Die Weisheit der Großmütte

Der Monat August ist für mich immer ein besonderer. Zum einen hatte meine Großmutter in diesem Monat Geburtstag und zum anderen verbrachte ich meine Ferien oft bei ihr.

Als Kind schmeckte mir das Essen bei meiner Großmutter, wo ich oft die Augustferien verbrachte, immer besonders gut. Dabei war es egal, was sie kochte – ob den Festtagsbraten für die große Familienrunde oder ein einfaches Alltagsgericht. Sie freute sich über den Besuch. Meine Oma hatte Zeit, eine mit dem Alter kommende Gelassenheit und Liebe und sie kochte gern mein Wunschessen. Damals machte ich mir darüber (natürlich) keine Gedanken, sondern ich genoss es einfach. Die Küche war kein Platz für Radiogedudel oder hitzige Gespräche, die Aufmerksamkeit galt voll dem Kochen. Denn alles fließt in das Essen mit ein (was z.B. der Film „Chocolat“ sehr gut illustriert). Gerichte, die sie selbst gekocht hatte, wurden von allen wegen ihres feinen Geschmacks gelobt. Nicht, dass sie besondere Rezepte hatte, aber ihre Hauptzutat waren Bewusstsein und Liebe. Liebe geht durch den Magen…

Die Frage „Warum es bei Oma am besten schmeckt“ bewegte mich eine ganze Zeit lang. Meine Eltern führten früher eine Gaststätte und ich kann mich noch gut erinnern, wenn meine Oma als Aushilfe zur Verfügung stand. Mein erster Gedanke war: „Die Weisheit der Großmütter macht das Essen so lecker“. Großmütter spendieren die Zeit, Aufmerksamkeit und die Anerkennung am Kochtopf. Ein solches Vorgehen lässt manche Energie wachsen und gedeihen. Aber wahrscheinlich war mir diese Antwort zu einfach und ich bekam noch eine andere vom Universum geliefert. Die Botschaft kam in
einem Buch daher. „Mysterium Weib“ von Oliver Ritter, Verlag Zeitenwende:

„Der Umgang mit Nahrung eröffnet einen großen Bereich weiblicher Zuständigkeit. Das Sammeln unzähliger Stoffe der Pflanzenwelt. Die Auskeimung und Verwurzelung von lagernden Körnern und Knollen wurde entwickelt. Der Herd, die wärmende Feuerstelle, machte man zum Zentrum des Hauses und zum Altar des mütterlich nährenden Wirkens. Im Herd trat erneut das Mysterium des Uterus in Erscheinung und die Verbindung von der Geburt des Brotes mit Wärme und weiblicher Fruchtbarkeit war so deutlich, dass ein altdeutsches Sprichwort sagen konnte: „Der Ofen ist die Mutter.““

Ich finde diese Beschreibung sehr treffend. Sagt es doch so manches über den nährenden Aspekt in uns Frauen aus. Das Wissen, die Liebe und die Weisheit der Großmütter sind also wichtige Zutaten, welche energetisch zum Essen dazugegeben werden.
Ich vermisse meine Großmutter und das nicht nur wegen ihres leckeren Essens. Denn nicht nur dabei war sie die Beste. Tief in mir bewahre ich so manchen Augenblick. Ich war jedes Jahr in den Ferien bei meiner Oma. Sie lehrte mich Halmaspielen mit Engelsgeduld. Ich verbrachte viel Zeit in ihrem Garten, den sie so geliebt hat. Mit einer unermüdlichen Liebe hat sie sich um Dinge gekümmert. Ich lernte, dass das WIE auch bei allem anderen Tun der entscheidende Faktor ist. Liebevoll gepflegte Pflanzen wachsen besser, eine freudvoll gereinigte Wohnung mag vielleicht nicht perfekt sein, aber man fühlt sich darin einfach wohler. So wird für mich der gesamte Lebensalltag zu einer Herausforderung, das Wie zu beachten und diese Qualität in allem Tun immer mehr zu vertiefen. Es sind diese kleinen alltäglichen und einfachen Dinge, die sich mir eingeprägt haben. Dies ist für mich „Liebe in Aktion“, bei großen Taten ebenso wie bei kleinen Gesten.

In einer Zeit, als ich mit zwei Kindern alleinerziehend war, habe ich wohlwollend meine Füße unter ihren Tisch gestreckt. Sie hat mich bekocht und ich habe es genossen, mal nichts zu tun. Ohne Murren, ohne eine Erwartungshaltung hat meine Oma das gern für mich getan. Sie hatte eine unendliche Geduld.

Im Angesicht ihres Todes machte meine Großmutter mir ein weiteres riesiges Geschenk. Ich durfte sie ein Stück auf ihrer neuen Reise begleiten, und ich fand viele wertvolle Erkenntnisse für mein Leben.

Auszug aus meinem Buch „Natürlich Dominant“: „Am 29. April 2004 bekam ich die unerwartete Nachricht, dass meine Oma Margarette zu Hause gestolpert, gestürzt und ins Koma gefallen war. Eine Zeit des Bangen und Hoffen begann. Bangen um ihr Leben und hoffen, dass sie kein Pflegefall wird. Das hätte sie nicht gewollt. Bei jedem Anruf zuckte ich zusammen. Es wollte mir nicht bewusst werden. Ich war doch erst bei ihr zu Besuch, dass konnte doch jetzt nicht einfach vorbei sein. Meine erste Begegnung mit dem Tod hatte ich vor 15 Jahren mit meiner Oma Erika. Dieses Erlebnis prägte mich noch immer und ich wollte diesmal genauer hinsehen, und für meine Oma Margarette da sein. Eine tiefe Gewissheit sagte mir, Oma ließ diese Welt noch nicht los. Sie brauchte meine Liebe und Fürsorge. Ich gab ihr jeden Abend Fernreiki, war mit meiner Seele bei ihr. Die sterbliche Hülle, der sie innewohnte, war doch nur ein vorrübergehendes Haus. Wird meine Oma die Hülle des Körpers in Zufriedenheit und mit Glück, Heiterkeit und Freude verlassen können?

Für mich war der Tod nicht mehr so bedrohlich, wie in jungen Jahren. Ich hatte dieser hässlichen Fratze schon zweimal ins Gesicht gesehen. Für mich ist der Tod nicht das Ende. Ich suchte das Gespräch mit meiner Freundin. Sie machte mir Mut, den ich fühlte bereits, dass mein Besuch auf der
Intensivstation, der schwere Gang eines Abschiedes war. Ich sprach mit meiner Tochter Doreen, gerade 18 Jahre alt, darüber, wie ich die Dinge sah. Sie hatte Angst und sah im Sterben nichts als Vernichtung und Verlust.

Trotzdem hatte sie sich entschieden mit mir, vier Tage später, ins Krankenhaus zu fahren. Ich freute mich sehr, über ihren Mut und ihrer Liebe zu ihrer Uroma. Wir sprachen noch einmal über den Tod und die Wichtigkeit des Loslassens. Wir rutschten innerlich ein Stück zusammen. Ich hatte eine Kerze angezündet und Doreen hielt die Hand meiner Oma. Sie weinte. Als sie es gar nicht mehr aushielt, wartete sie im Gang auf mich, wie besprochen. Ich streichelte meiner Oma die Stirn, und erzählte von ihrem hellen Zimmer, welches sie mit zwei Frauen teilte. Sie hatte einen tollen Blick auf den Park. Ich erzählte ihr auch, wie es sein könnte, ihren Mann, wieder zu treffen. Ihr geliebter Mann, von dem sie sich im Krieg trennen musste, blieb doch ihr Leben lang, ein geliebter Mensch.

Eine Seele, mit der sie kommunizieren konnte. Und genau da, passierte etwas Außergewöhnliches für mich. Meine Oma hatte Tränen in den Augen. Wie ging das, sie lag doch im Koma? Das berührte mich zutiefst und ging ganz tief in mich hinein. „Wie möchte ich am Ende meines Lebens, gelebt
haben? Was ist es, worum es wirklich geht? Lebte ich meine Bedürfnisse erfüllt, und welche habe ich eigentlich?“ Diesen Moment vergesse ich nie, und später veränderte er mein Leben. Ich verabschiedete mich in Liebe von meiner Oma. Ich bedanke mich für die Zeit und die Erlebnisse mit ihr.
Eine wichtige Erkenntnis ist; „Ich kann dem Leben vertrauen.“ Während der Meditation zu Hause, konnte ich besser loslassen, was mich an sie band. Der Tod war ein Spiegel, indem sich der ganze Sinn des Lebens und das Wesentliche zeigten. Licht, Liebe, Fröhlichkeit, Trauer, Schmerz, Tränen, was auch immer es war, jeder Teil von mir, den ich meiner Oma noch mitgab, war ein Stück auf meinem Weg zu meiner Erlösung. Das wurde mir erst Jahre später bewusst. Mit Liebe und Hingabe diente ich ihr dabei, in das andere Seelenreich überzugehen. Ich spürte die Todeszeit während der Meditation, in meinem Herzen. Ich sah meine Oma davon fliegen. Ich war von Glückseligkeit voll erfüllt. Ich spürte, sie war friedvoll eingeschlafen. Meine Intuition und Gefühle wurden am nächsten Tag, durch den Anruf meiner Mutter, bestätigt. Mein Unterbewusstsein hatte mich durch diesen Prozess geführt, ich hatte mich ganz dem hingegeben.

Mein Kopf schaltete sich erst einige Zeit später wieder ein, und fand das erlebte höchst seltsam. Eine rationale Erklärung meines Handelns, gibt es nicht. Wieder hatte ich eine Erkenntnis; „Mein Herz ist so viel größer als mein Verstand.“ Die Trauer die ich um meine Oma empfand, war meine Trauer. Es war die Trauer, jemanden nicht mehr umarmen und berühren zu können, den ich liebte. Und doch sollte meine Trauer kein Festhalten sein. Ich behielt meine Trauer für mich. Ich nahm sie an als das, was sie ist,-meine Trauer, mein Leid, mein Verlust.“

In meinem Herzen gibt es immer einen Platz für sie. Am 15. August wäre sie 101 Jahre alt geworden. Meine Oma hat Wirkung in meinem Leben hinterlassen. Ausgelöst durch den Sterbeprozess meiner Großmutter, arbeite ich seit fünf Jahren im Altenpflegeheim. Ich habe viele weitere WUNDER in Sterbeprozessen erlebt. Nach all den Jahren vermisse ich meine Großmutter noch immer. Auch wenn ich selbst schon Großmutter bin.

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

  • Was Du hier über Urgroßmutter schreibst ist wundervoll und ich hin zutiefst berührt, weil Ich davon nichts wusste… Mir ging es damals sehr schlecht. Ich erfuhr erst davon, als es schon zu spät war.. Ich hatte damals sehr große Wut, weil ich die letzte war, die davon erfuhr. Ich habe bis heute das Gefühl, mich nie von Ihr richtig verabschieden zu können… Sie wusste immer genau wie es mir ging und hatte stets die richtigen Worte, in jedem Moment, den Ich mit Ihr verbrachte… Sie war die einzige die mich in meinem jugendlichen Leichtsinn zum nachdenken brachte. Ich glaube, ihr gehen von dieser Welt, hat mich so erschüttert, das ich deswegen, die Hilfe annahm die Ich brauchte. Um so mein Leben in den Griff zu bekommen … Das verrückte ist, bei ihrer Beerdigung habe ich Ihr gesagt :Oma Pfeiffer Ich möchte versuchen für Dich 90 Jahre alt zu werden ,weil deine Tochter mir gesagt hat, das dass dein Wunsch war und nun bist du nur 89 geworden. Deshalb möchte ich versuchen Dir diesen Wunsch zu erfüllen. Auch wenn da nur 1 Lebensjahr fehlte ,es wäre ein weiteres Schönes und langes Jahr mit Dir gewesen. Ich kann mich zwar nicht mehr richtig an Oma Pfeiffer erinnern, aber ich fühle, das sie stets bei mir ist und ich Sie genauso liebe wie Sie mich. Ja und Ich glaube, ich bin genauso altmodisch in der Liebe wie Sie ..Denn ich warte jetzt auf den richtigen Mann. Auf die echte wahre Liebe …an die ich immer geglaubt habe und Glaube…und die hält ein Leben lang …nicht nur ein Lebensabschnitt… Ich habe kein Bild von Oma Pfeiffer… das einzige was ich von Ihr habe, ist eine Wunderschöne Pflanze, die ich hege und pflege, als wäre Oma die Pflanze.. Ich hoffe das ich irgendwann das Gefühl haben werde, das wir uns Lebewohl sagen.
    Ich möchte Dir was sagen liebe Tante! Du hast ganz viel von Oma Margarete, deshalb fühle ich mich bei Dir immer am Wohlsten. Du gibst den Menschen das weiter, für was auch Sie einstand … Ich lieb Dich Tante Gwynnefer… deine Anne/Sindy

    Antworten

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