Linkshänderin

Gastartikelreihe
Nicht perfekt aber glücklich

Gastartikel Nr. 2 von Kati Pfau

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www.katipfau.de

Ich bin entsetzlich unperfekt. Bei mir war immer alles anders, egal was ich tat. Lange Zeit wünschte ich mir, ich wäre so wie die anderen, um endlich mal perfekt genug zu sein. Meine Latte hing ziemlich hoch und ehrlich gesagt, neige ich immer noch dazu, an mich selbst zu hohe Ansprüche zu stellen, die mich letztlich verhindern.

Unperfekt?

Aber bekanntlich sind wir ja hier, um zu lernen. Das war eine Erkenntnis, die mich sehr tröstete und abholte von meiner Angst, nicht gut genug zu sein. Und diese Angst teilen wir doch alle, oder?
Wer von uns hatte schon eine Kindheit, die uns bestätigt und liebevoll getragen hat? Unsere Eltern waren voller Brüche, selbst die fürsorglichen und bemühten. Der Druck dieser Gesellschaft war doch viel zu hoch, um entspannt und vertrauensvoll Eltern sein zu können. Erst langsam beginnen sich Eltern zu besinnen, mit jeder nächsten Generation mehr.

Meine eigenen Kinder haben mir eine gute Portion Unperfektionismus beigebracht. Mein erstes Kind war so vollkommen anders als es im Buche stand, dass es mich regelrecht umgehauen hat.
Und in der Pubertät wird dir als Mutter erst recht der unperfekte Spiegel vorgehalten.
Das tut weh. Auch ich wollte die tollste Mutter der Welt sein. An dieser Stelle in die Demut zu gehen und das eigene aufpolierte Bild loszulassen, war die wichtigste Erkenntnis.
Da ich ein ziemlich stolzer Mensch, ist das nicht besonders einfach. Wieder einmal helfen mir alte Geschichten und Märchen dabei, zum Beispiel „König Drosselbart“ (bitte nicht gleich in die Feministen-Schublade greifen, unter der Oberfläche finden sich auch in diesem Märchen wunderbare Weisheiten). Und eine Eigenschaft, die ich zum Glück neben meinem Stolz auch geerbt habe: Ich kann über mich selbst lachen.

Umgeschult

Aber bleiben wir doch bei den Unperfektheiten: Ich bin umgeschulte Linkshänderin, das heißt, ich bin mit einem dominanten Rechtshirn, u.a. zuständig für vernetztes Denken und Kreativität, geboren. Bei Rechtshändern ist die linke Hirnhälfte dominant. Meine richtige Seite ist Links, es war mir aber verboten, sie zu benutzen. Ich wurde von klein an auf Rechts umgeschult, sowohl in der Familie als auch in den Erziehungsinstitutionen. In meinem Fall schon sehr früh, im Kindergartenalter. Ich lebte von meinem 2. bis 4. Lebensjahr in Polen, denn meine Eltern arbeiteten dort im Konsulat. Ich besuchte einen polnischen Kindergarten und die Erziehungsmethoden waren sehr streng. Eine konkrete Erinnerung gibt es daran nicht, aber mein Körpergedächnis sagt mir, dass es schmerzhaft war. Es ist sehr tiefgreifend, nicht auf seiner richtigen Seite leben zu dürfen, als würde ein Stück fehlen. Ich war Mitte 40, als ich entdeckte, dass ich eigentlich Linkshänderin bin. Viele schwierige Ereignisse in meinem Leben, die nachhaltige Spuren hinterlassen haben, wurden mir plötzlich klar.

Nach einer ausführlichen Testung und Beratung bringe ich mir inzwischen selbst das Schreiben mit Links bei und erlaube mir immer wieder bewußt, meine linke Hand einzusetzen. Es gibt Übungen und wunderbare Heilmethoden, die mich darin unterstützen. Vorher wusste ich gar nicht, dass Schreiben mit der Hand Spaß machen konnte.

Alles, was ich mit den Händen tun musste, war eine Quälerei. Langsam taste ich mich an den Gedanken heran, dass Links nicht nur vorhanden, sondern sogar meine starke Seite ist. Natürlich üben sich bestimmte Hand-lungen über die Jahre ein und fallen leichter. Aber auch heute noch bin ich sehr vorsichtig dabei, wenn ich etwas ungewohntes mit den Händen tun muß, und spüre genau, wie mühsam es ist.
Das bringt eine Menge Unperfektheit mit sich, bis hin zu der Tatsache, dass ich aus diesem Grund nicht Auto fahre. Oh je, und das im Autofahrer-Land Nr. 1!!!

Und so geht es weiter. Da gäbe es noch eine Menge aufzuzählen, was nie wirklich in das Bild der perfekten Frau passte. Irgendwann habe ich begriffen, dass nicht mein unerreichbarer Perfektionismus mich liebenswert macht, sondern gerade meine Brüche, Absonderlichkeiten und Eigenarten. Naja, sicher nicht für jeden. Aber für die Richtigen, für die Menschen, die zu mir passen.

Blumen blühen wie sie wollen

Und das sehe ich auch so für mein Seelenbusiness. Was ist mir nicht alles gesagt worden, was ich doch mit meinem Talent tun soll, um perfekt für diese Welt zu sein, mich perfekt verkaufen zu können!

Also, erstmal weigere ich mich, mich glattschmirgeln zu lassen, um in ein kommerzialisiertes, totes Abbild von irgendwas zu passen. (Haha … hallo Stolz, da ist er wieder!)

Und zweitens, was wahrscheinlich noch viel wichtiger ist, ich kann nicht nur die wunderbaren Eigenarten meiner Mitmenschen nehmen, die sie oft als Unperfektheiten verstecken. Ich kann sie sogar als ihr Potential erkennen und fördern. Denn ich habe gelernt, meine eigenen Un-“Ordentlichkeiten“ liebevoll anzunehmen. Jedes einzelne Teil meiner Merkwürdigkeiten, Verkrümmungen, Behinderungen, Abnormitäten … ach, dergleichen gibt es viele Worte.
Und siehe da! Es sind alles wundervolle Blumen in meinem Garten, die jede auf eine ganz eigene, einzigartige Weise blüht und duftet, wenn ich sie lasse.

Übrigens

Die frühmittelalterlichen irischen Mönche, die das Book of Kells geschrieben haben, eine Abschrift der Bibel, ließen bei ihren wundervollen, typisch keltischen Verzierungen immer einen Teil unvollendet. Sie wollten damit ganz bewusst anerkennen, dass der Mensch nicht perfekt ist.

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Foto: www. commons.wikimedia.org/wiki/Book_of_Kells?

über die Autorin

Kati Pfau, Jahrgang 68, ist Mutter von vier Kindern und seit ihrer Kindheit vertraut mit Märchen und Mythen aus aller Welt. Als Märchenfee Pfauenfeder erzählt sie Kindern und Erwachsenen diese alten und erfindet mit ihnen gemeinsam neue Geschichten, wobei sie ihre Fähigkeiten als Schauspielerin nutzt. Darüber hinaus ist sie Theater- und Schauspieltherapeutin und coacht Menschen, die sich mehr authentische Selbstausdruck und Selbstbewußtsein wünschen.
Sie nennt sich Märchenfachfrau, Präsenzexpertin und Geschichtenfinderin, denn durch all ihre Projekte zieht sich das Wissen, dass das Leben selbst die besten Geschichten erzählt

 

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