Unvollkommen gut genug

Gastartikelreihe
Nicht perfekt aber glücklich

Gastartikel Nr. 7 von Lidia Schladt

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Wer kennt ihn nicht – den inneren Antreiber, inneren Kritiker oder wahlweise Ankläger? Wir erkennen ihn an den immer gleichen Mantren, wie „Schneller!“ „Gib dir mehr Mühe!“ „Setz dich mehr ein!“ „Das muss noch besser werden!“ „Hast du es immer noch nicht gelernt?“

Doch meistens stellt der innere Kritiker keine Fragen, sondern verteilt Rügen und baut Druck auf. Zuweilen tragen die inneren Antreiber Masken von Eltern- und Großelternteilen und sind doch nur Anteile von uns selbst. Genauer gesagt haben sie etwas mit einem eigenen Perfektionismus zu tun, der im Kern die Botschaft trägt, nicht gut genug zu sein. Der Perfektionismus ist trotz seines männlichen Artikels tendentiell weiblich. Denn während ein Mann oftmals keinerlei Probleme damit hat, eine Aufgabe nur zu 80% erledigt zu haben und sie als 100%ig zu kommunizieren, hat eine Frau sie oft zu 120% übererfüllt und bewertet sie im schlimmsten Fall geringer als 100%ig ein.

Woher kommt diese Diskrepanz und noch interessanter ist die Frage, in wie weit ein Perfektionismus auch hilfreiche Elemente enthalten kann?

Die Erziehung vieler Mädchen und jungen Frauen bestand aus genauen und detailgetreuen Arbeiten, wie dem Stricken, Nähen und anderen häuslichen Aktivitäten. Die Gleichung einer „guten Partie“ für eine fleissige Hausfrau war weit verbreitet und ist noch gar nicht allzu lange her. Systemisch betrachtet wirken diese Selbsterhaltungsmuster in uns weiter, da sie bis zur heutigen Generation hineinreichen. Der Unterschied der heutigen Zeit liegt im wachsenden Bewusstsein und dem starken Hinterfragen der bisherigen Frauenrolle. Das Erbe der vorangegangenen Generationen steht zum ersten Mal richtig auf dem Prüfstand und verlangt nach neuen Antworten auf alteingesessene Fragen. Viele Frauen bleiben mittlerweile bewusst Single, weil sie sich nicht mehr aus Werten, wie finanzieller Absicherung eine Partnerschaft eingehen, sondern aus Beweggründen, die Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Kommunikation, Unterstützung und Entwicklung versprechen.

Die alten Muster und ererbten Glaubenssätze wirken im Unterbewussten jedoch weiter und zeigen sich u.a. in einem übertriebenen Perfektionismus.Dem inneren Kritiker nach kann es nie gut genug sein.

Doch was kann uns der innere Kritiker lehren?

Der Perfektionismus des egomanen inneren Kritikers enthält auch einen hohen Anspruch an Idealen und Qualitätsmaßstäben. Solange der innere Kritiker uns nicht aufdiktiert, was wir zu tun oder zu lassen haben, sondern wir anfangen, ihm zuzuhören und zu erforschen, in welche lebensbejahende Richtung er uns führen möchte. Es lohnt sich, einmal genau hinzuhören, was er uns vermitteln möchte, denn er trägt Botschaften mit sich, die uns ein Heim, ein Dach über dem Kopf, Geborgenheit und Gesundheit sichern sollen. Fordert er uns beispielsweise dazu auf, unsere Arbeit gut zu machen, möchte er uns das Einkommen und eine Anerkennung vom Arbeitsumfeld sichern.

Und was ist schon schlecht daran, hohe Ansprüche zu besitzen?

Um den inneren Kritiker aus seinem „Kellerkind“-Dasein zu entlassen, können wir ihm auch einen anderen Namen geben. Wenn er als innerer Wächter oder Coach angesehen wird und auch noch einen persönlichen Namen, wie „Lisa“ oder „Otto“ (Humor hilft heilen!) bekommt, verliert die Bedrohlichkeit des Kritikers an Macht über uns. Ab diesem Zeitpunkt kann der Kritiker zu einem Schatz an Möglichkeiten werden, die man annehmen oder verwerfen kann. Wir sind ihm nicht mehr ausgeliefert, sondern können ihn als Gradmesser für Qualitätsmerkmale ansehen.

Im Gegenzug gibt es eine Menge Verfahren, um mittels Meditation, Imagination, Hypnose, Autogenem Training, Yoga, Qi Gong und anderen Entspannungstechniken Selbstvertrauen zu entwickeln. So wird spürbar, dass es etwas gibt, das uns stets trägt und wir in der Stille immer gut genug sind. So beherrschen nicht die Diktate des inneren Kritikers uns, sondern wir als ein freies und selbst denkendes Wesen entscheiden, ob und in wie fern wir seinen Empfehlungen (!) nachgehen möchten oder auch nicht. Dies würden wir mit den Empfehlungen eines realen Coachs doch genauso handhaben, oder?

Mich erlöst die folgende Betrachtung sofort: Perfektion wird niemand von uns je erreichen. Jeder ist gut genug – in seiner ganzen unvollkommenen Einzigartigkeit. Außerdem frage ich mich an einigen Stellen öfter danach, ob auch 80% ausreichen würden, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. 😉

Welche Erfahrungen hast du mit dem inneren Kritiker gemacht und wie schaffst du es, aus dem Drama des Perfektionismus-Hamsterrades auszusteigen?

Ich freue mich über ein Statement!

 

 
Über die Autorin

Lidia Schladt ist Logotherapeutin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und integraler Coach in Bremen. Sie gibt Vorträge, Seminare und Workshops zu Themen rund um eine sinnzentrierte Persönlichkeits- und Potentialentwicklung. Im April 2016 beginnt eine Ausbildung zum „Integralen Imaginationscoach“, in der Imaginationsarbeit, das Enneagramm und die integrale Lebenspraxis feste Bestandteile sind. Lidia Schladts Schwerpunkte in der Einzelbegleitung sind die Hochsensibilität, Paarberatung und Trauerbegleitung.

Ihre Homepage: www.sinn-werte.de

Mail: mail@sinn-werte.de

Perfekt unperfekt ins Business gestolpert
Heute lade ich zum Tee ein!

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