Plädoyer für eine lebendige Beziehung zum Tod

„Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens, und wir alle müssen uns ihm früher oder später stellen. Ich sehe zwei Möglichkeiten, wie wir mit dem Tod umgehen können, so lange wir noch leben. Wir können ihn entweder ignorieren, oder wir können uns der Aussicht auf unseren eigenen Tod stellen und beginnen – indem wir uns eingehend mit ihm befassen – das Leiden, das er uns bringen kann, zu vermindern. Wir können ihn aber in keinem Fall umgehen.“ 

(Vorwort aus „Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben)

 

Ich möchte mit diesem Zitat beginnen. Es zeigt sehr klar und deutlich auf, das Leben und Tod eng miteinander verbunden sind. Und doch haben viel zu viele Menschen Sorgen und Ängste zum Thema Tod und Sterben. Ich kann das sehr gut verstehen. Lange Zeit habe auch ich im Tod nichts als Vernichtung und Verlust gesehen. Jedoch behaupte ich mit meinen heutigen Lebenserfahrungen, Du kannst Dein Leben nur ganz annehmen, wenn Du Dich Deiner Angst stellst. Der ganz natürliche Umgang mit diesem Thema muss wieder Teil von uns werden. Immer noch ist das Thema Tod eine Tabuzone, etwas, was über einen kommt und mit viel Hilflosigkeit verbunden ist. Dabei stehen Leben und Tod gleichberechtigt nebeneinander. Wenn Du Dich dem Thema nicht stellst, wirst Du nie ganz leben.

Was sind Deine heimlichen Sorgen und Ängste zum Thema Tod und Sterben?

Mach Dir klar, das in jedem Moment den Du lebst, etwas stirbt. Stehe ich am Morgen auf, oder bleibe ich im Bett? Ziehe ich eine Hose oder einen Rock an? Putze ich mir die Zähne oder lasse ich es sein? Du hast in jeder Sekunde Deines Lebens Entscheidungen zu treffen. Und dabei stirbt immer die andere  Möglichkeit, die auch machbar gewesen wäre.
Du hast am Tag 60 000 Gedanken. Wie viele davon sterben und wie viele sind Dir bewusst?
Es sterben Körperzellen und neue werden geboren.

Frauen können sich Leben und Tod in besonderer Weise verbunden fühlen.

Frauen sind dem Tod sehr verbunden. Ein Baby auf die Welt zu bringen, ist heutzutage eine Sache, die über die Monate der Schwangerschaft hinweg mit Bedacht geplant und medizinisch bestmöglich begleitet werden kann. Was uns heute jedoch so alltäglich und normal erscheint, existiert noch gar nicht so lange.

Im Gegensatz zur heutigen Zeit waren Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett früher ausschließlich Frauensache. Die versammelten Frauen schenkten vor allem seelischen Beistand, taten aber auch so alles, um der Gebärenden den Geburtsvorgang zu erleichtern. Die Geburt fand nicht, wie heute noch mancherorts üblich, im Liegen, sondern stehend, hockend oder kniend statt. In den Geburtshäusern und vielen Kliniken wird den Frauen inzwischen wieder eine aufrechte Geburtshaltung ermöglicht.

Im Spätmittelalter fand in vielen Gebieten ein sogenannter „Gebärstuhl“ aus Holz Verwendung, der sich auch heute bei vielen Hausgeburtshebammen im Gepäck befindet. Bereits damals war man bemüht, die Geburtsschmerzen so gering wie möglich zu halten. Geburt und Tod gehörten im Mittelalter unwiderruflich zusammen. So war es zu jener Zeit keine Seltenheit, dass Mutter oder Kind die Geburt nicht überstanden. Fast jedes zweite Kind starb und auch der Tod im Wochenbett galt als Normalität.

Die Menschen im Mittelalter hatten einen ganz anderen Umgang mit dem Tod, als wir ihn heute kennen. Vom Zeitpunkt der Geburt an galt er als allgegenwärtig.

 Weibliche Hingabe im Geburtsprozess kann sich wie sterben anfühlen

Ich habe jede Geburt wie einen Tod erlebt. Ich hatte mich geöffnet, empfangen, meinen Kind den nötigen Raum gegeben und es genährt. Den Prozess beeinflussen oder gar beschleunigen, liegt nicht in meiner weiblichen Natur. Auch im Geburtsprozess konnte ich mich diesem „nur“ überlassen. Die weibliche Natur tat das Ihrige. Meine totale Hingabe an den Gebärprozess fühlte sich an wie sterben. Mein Ego existierte nicht mehr. Ich konnte die Schmerzen fühlen und einfach aushalten, obwohl mir eher wie weglaufen war.

 Sterbeprozesse würdevoll begleiten

Genauso erlebe ich es, wenn ich Sterbebegleitung gebe. Mit totaler Hingabe an den Sterbeprozess geht es darum, die Stille zu fühlen und auch auszuhalten. Es geht darum, meinen Innenraum nicht zu verlieren und mich selbst zu fühlen. Eben nicht in meinem persönlichen Drama, Angst oder sonst irgendwas zu verlieren, sondern in der Stille und allem was da ist, für den Sterbenden da zu sein.

Gebe ich mich dem Sterbeprozess total hin, verringert es genauso die Schmerzen, wie während dem Geburtsprozess. Beide Male geht eine Tür in eine andere Welt auf. Das zu erleben, ist jedes Mal wieder, für mich ein WUNDER.

Hingabe lindert den Schmerz

Ich fühle mich noch nicht bereit. Ich wie/kann noch nicht genug. Ob ich das schaffe?
Kennst Du solche oder ähnliche Sätze?

Unsere Zweifel arbeiten mit unseren Ängsten zusammen. Angst ist die stärkste Kraft die uns abhält, unserer Wahrheit zu folgen. Angst ist die Kraft die Dich abhält mit dem Thema Tod und Sterben Deinen Frieden zu finden.
Ich möchte Dich einladen, Dich mit Deiner Angst anzufreunden. Sie ist nicht Dein Gegner, sondern ein natürlicher Warnhinweis, der Dir zeigt dass Du dabei bist Deine bekannte Zone zu verlassen.

Du kannst hoffen, dass alles gut gehen wird – wissen wirst Du es erst, wenn Du es TUST!

 

Alles Liebe
Gwynnefer Sylvia Kinne

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Entstehen lassen
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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Aus tiefstem Herzen DANKE für Deinen Artikel, Gwynnefer!
    Ich empfinde mich gerade als „normal“ mit meinem tiefen Wunsch zumindest einmal bei einer Geburt teilzuhaben und auch das Aufzeigen des Zusammenhangs Tod/Geburt war mir im Kopf klar, aber noch nicht in meiner Seele angekommen. Vielleicht ist mein Weg eher den Sterbeprozeß zubegleiten. Nicht als professionelle Kraft, sondern dann, wenn ich gebraucht werde. Papas Sterben vor fast einem Jahr hat mir gezeigt ich kann es aushalten und bin nicht sprachlos gewesen (wie als Kind in mit Angst und Wut besetzten Situationen) und kann auch den Schmerz annehmen und mit Hilfe und der Zeit wandeln.

    Antworten
  • […] Hast du Angst vor dem Sterben? Nein? Ich antworte dir frech: „Das glaube ich dir nicht.“ Du hast Angst? Ich verstehe dich so gut. „Jeder Mensch hat Angst vor dem Sterben“ möchte ich dir tröstend antworten. Der Tod stellt die höchste Anforderung an uns. Das Loslassen zu lernen bedeutet, alles, was uns lieb ist, auf Erden zurückzulassen, alle Anhaftungen zu lösen und unser eigenes Zuhause – den Körper, in dem wir so viele Jahre wohnen durften – zu verlassen. Tod heißt sich trennen können. Wer von uns hat das gelernt? Es ist mir ein besonderes Anliegen, mit meinem Aufgreifen der Themen „Sterben und Tod“ zu bewirken, den verkrampfte Umgang mit dem Tabuthema zu lockern. Der Umgang mit Sterbenden ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Die intuitive Begleitung meiner geliebten Großmutter hat mich dazu gebracht. Wenn ich mich mit dem Sterben und der Angst vor dem Sterben auseinandersetze, geschieht viel in meiner Innenwelt und Heilung darf geschehen. Lies auch mein Plädoyer für eine lebendige Beziehung zum Tod. […]

    Antworten

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