Was ein Rollfix mit Liebe zu tun hat

Meine Tochter hat praktischen Prüfungsteil in Englisch. Für die Dauer von fünfundvierzig Minuten gehe ich mit Luna Gassi. Ich spaziere in der Gegend meiner Kindheit herum. In mir werden Erinnerungen wach. Ich stehe am Tor meiner Schule mit meinem roten Ranzen und Brottasche, meinen weißen Lackschuhen, meiner Zuckertüte und meinen Eltern. Ein Mädchen fragt mich durch den Zaun „Ist der Hund lieb?“. Ich antworte ihr und gehe weiter.
Vor unserem Haus ist eine kleine Wiese. Sie ist immer noch da. War sie schon immer so klein? In meinen Erinnerungen erscheint sie mir viel größer. Erinnerst du dich noch an das Glücksgefühl, als du noch ein Kind warst und mit den anderen herumtobtest? Das waren Glückssekunden des Lebens, die meine Seele zum Leuchten bringen. Glück ist der Moment und nicht der Zustand.

Und da steht er. Ein verrosteter alter Rollfix. Er steht am Zaun angelehnt zwischen allerlei Sperrmüll.
Vor kurzen habe ich so einen Wagen im Blumenladen als Deko gesehen. Das gefällt mir und ich will auch so einen DDR Rollfix aus meiner Kindheit besitzen. Ich liebe solche alten Dinge. Jetzt steht der Rollfix genau hier, vor dem Haus meiner Kindheit. Was für ein Zufall.

Am nächsten Tag bin ich mit dem Auto hin und habe ihn eingeladen. Ich freue mich so, dass es mein Herz zum Klingen bringt und mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
Andreas wird mir einen Vogel zeigen. Ich höre ihn sagen: „Was willst du denn wieder mit dem alten verrosteten Ding?“
Ich sehe den Rollfix, wieder aufgebessert und mit Farbe gestrichen vor mir stehen. Ich werde ihm bessere Zeiten bescheren. Dazu braucht es nur ein bisschen Arbeit. Mit Sandpapier wird der Rost abgeschliffen um anschließend eine Farbe aufzutragen. Die Deichsel wird geölt und der Holzboden lackiert. Ich sehe schon meinen Enkel darauf sitzen und durch die Gegend ziehen.

Ich werde meinen Kindheitshelden, meinen Papa, fragen, ob er das für mich tun kann. Er handwerkelt mit seinen 76 Jahren gerne herum. So ist er beschäftigt und sieht darin in seinem Renten-Dasein einen Sinn. Wenn ich ihn um Unterstützung bitte, hat er das Gefühl gebraucht zu werden. Das finde ich schön. Ich möchte auch nicht an einem Tag X auf das Altengleis abgeschoben werden. Kannst du dir das vorstellen?

Auch, wenn ich die Antwort bereits kenne, werde ich ihn fragen. Diese Tugend und respektvolle Kommunikation vermisse ich bei einigen Menschen. „Darf ich dich was fragen?“ ist eine einfache Frage, die mir gestellt wird. Das ist okay. Jetzt wäre es an mir, mich zu positionieren. Das nenne ich einen Dialog. Was ich jedoch immer mehr beobachte ist, dass die Bitte, der Text oder die Frage gleich ohne Unterbrechung folgt. Ich habe gar keine Wahl und nicht die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Ich fühle mich einfach überfahren. Auch wenn ich die Antwort oftmals schon ahne, nenne ich es eine gelungene Kommunikation, den anderen in den Dialog mit einzubeziehen.

Schade, dass wir alle nicht das Unterrichtsfach „Die Grundlagen der Kommunikation“ in der Schule hatten. Für die meisten von uns ist die tägliche Kommunikation ein spannungsgeladenes Feld der Frustration. Fehlerhafte und unbewusste Kommunikation erzeugt Zustände von Kampf, Anstrengung und Angst im Inneren. Ich werde richtig wütend, wenn mir ungefragt jemand seine kritische Meinung um die Ohren haut. Prinzipiell stehe ich konstruktiver Kritik offen gegenüber. Doch auch hier beobachte ich es, dass die meisten Menschen gelernt haben zu kommunizieren um sich selber Gehör zu verschaffen oder sich ins Recht zu setzen. Ich finde es schön, wenn ich gefragt würde und die Wahl hätte, Kritik offen zu empfangen. Dazu benötigt es eine einfache Frage. Dann kann ich schauen, ob es emotional gerade passt, diese Kritik wirklich in mir zu empfangen und offen zu sein.
Ich habe solch eine ungefilterte Botschaft im Moment eines familiären Trauerfalls bekommen. Das ist nicht schön und erzeugt in mir regelrecht Wut. Mir wird einfach eine Meinung übergestülpt, das finde ich ätzend. Ich komme mir wie ein seelischer Mülleimer vor, in dem man einfach alles los wird. Viele Menschen laden einfach ihren Schutt auf anderen ab, ohne die Bereitschaft des Empfängers abzufragen oder zu warten bis er wirklich bereit ist.

Ich bin meinen Eltern wirklich sehr dankbar, dass sie mir Werte wie Respekt und Achtsamkeit und Regeln vermittelten und mit auf meinen Lebensweg gaben. Wenn ich eines von meinen Eltern gelernt hatte, dann gute Manieren an den Tag zu legen und eine gewisse Distanz zu wahren.  Meine Eltern waren in allen Zeiten immer für mich da. Es gibt Platz für Gefühle, aber nicht für Sentimentalitäten. Das ist gut so. Sie blicken immer nach vorn und suchen nach Lösungen. Sie bleiben nicht im Gefühlschaos hängen. Wir verhalten uns nicht gefühlsdusselig. Wenn es darauf ankommt, sind wir füreinander da. Machen ist das Zauberwort. Liebe sind die Taten, die wir bereit sind für den anderen zu tun.

 

kraftvoll & weiblich
Dienen ist die intelligenteste Form von Dominanz

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3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Liebe Gwynnefer!
    Leider habe ich Kommunikation als Machtmittel kennenglernt und obwohl meine Eltern auf eine andere, wertschätzenderee Weise kommuniziert haben, ist mir auch hier ein Dominanzmuster aufgefallen. Leider habe ich mich vonmeiner Umgebung prägen lassen und versuche, seit es mir bewusst geworden ist, diese eingespielte Ebene der Geringschätzung und des Machtmissbrauchs durch Worte zu verlassen. Ja, Dominanz ist bei mir eindeutig zumeist negativ besetzt, obwohl ich verstehe, dass es nicht so sein muss. Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu erkennen, unter welche dominanten Fallstricke ich gestolpert bin und meine Person als wichtig und richtig zu empfinden. Leider (Gottseidank) habe ich (durch den Kurs Schreibglück) sehr viel Lesematerial aber ich werde sicher wieder hier bei dir vorbeilesen, denn es tut mir gut und ich kann mir positive Affirmationen abholen. Vielen Dank, dass du den Mut hast, so unperfekt zu sein.
    Alles Liebe für deine Arbeit
    herzlichst Dora
    PS: soll man dich auf Ungereimtheiten aufmerksam machen?

    Antworten
  • […] sammeln 14.) Kompetenzen erlangen 15.) Wie du Deine Einzigartigkeit erlangst 16.) Vorwort 17.) Respektvolle Kommunikation 18.) Dienen ist die intelligenteste Form von Dominanz 19.) Nähe/Verbundenheit und Distanz 20.) […]

    Antworten

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