Leben und Sterben

„Wenn wir gut zu sterben wünschen, müssen wir lernen,
gut zu leben. Wenn wir auf einen friedvollen Tod hoffen,
müssen wir in unserem Geist und in unserer Lebensführung
den Frieden kultivieren.“
(Dalai Lama)

Hast du Angst vor dem Sterben?
Nein? Ich antworte dir frech: „Das glaube ich dir nicht.“
Du hast Angst? Ich verstehe dich so gut. „Jeder Mensch hat Angst vor dem Sterben“ möchte ich dir tröstend antworten. Der Tod stellt die höchste Anforderung an uns. Das Loslassen zu lernen bedeutet, alles, was uns lieb ist, auf Erden zurückzulassen, alle Anhaftungen zu lösen und unser eigenes Zuhause – den Körper, in dem wir so viele Jahre wohnen durften – zu verlassen. Tod heißt sich trennen können. Wer von uns hat das gelernt?
Es ist mir ein besonderes Anliegen, mit meinem Aufgreifen der Themen „Sterben und Tod“ zu bewirken, den verkrampfte Umgang mit dem Tabuthema zu lockern. Der Umgang mit Sterbenden ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Die intuitive Begleitung meiner geliebten Großmutter hat mich dazu gebracht. Wenn ich mich mit dem Sterben und der Angst vor dem Sterben auseinandersetze, geschieht viel in meiner Innenwelt und Heilung darf geschehen.

Über das Sterben zu schreiben bedeutet, über das Leben zu schreiben.

Eine weitere Schlüsselsituation, die meine Perspektive nochmals erweiterte, erlebte ich im Rahmen eines Seminares zur Persönlichkeitsentwicklung. Jeder Teilnehmer musste zwischen Leben oder Tod wählen. Ich saß bei den Lebenden und schaute auf all die liegenden Toden. Ich war tief berührt von der unglaublichen Schönheit im Angesicht des Todes. „Ich will zwischen all den Toden tanzen“ war mein innerer Impuls. Alles bebte und zitterte in mir vor Freude bei diesem Gedanken. Leider kontrollierte ich mich selber viel zu sehr, als das ich es getan hätte. Jedoch erkannte ich etwas sehr Wesentliches: Mein Leben ist jeden Tag ein Tanz zwischen Sterben und Leben.

Ich schreibe nach langer Zeit wieder einmal über das Thema. „Warum jetzt?“ fragst du dich jetzt vielleicht an dieser Stelle.
Mein Papa liegt seit dem Neujahrstag mit einem Herzproblem im Krankenhaus. Ich besuchte ihn. Man hätte während seiner Musterung 1960 „Bigeminus“ festgestellt, erzählte mir mein Papa. Dabei sprach er ganz sanft mit mir. Das irritiert mich, weil es eigentlich nicht seiner Art und Weise entspricht.  Bigeminus habe ich zuvor noch nie gehört. Es ist eine Herzrhythmusstörung mit einer Doppelschlägigkeit des Pulses. Dadurch kommt sein ganzes System durcheinander. Wenn er jetzt nicht operiert wird, kann es zur folgenschweren Konsequenz haben, dass sich sein Herz überschlägt. Wenn dies passieren sollte, ist jede Rettung vergebens. Das sind die Fakten. Mein Papa sprach offen und ehrlich vom Sterben mit mir.

Die sieben Geheimnisse guten Sterbens

So kenne ich ihn gar nicht. Meine Gefühle sind aufgewühlt. Ich liege nachts oft wach. Zweifellos gehören Sterben und Tod zum Leben. Erinnerungen, die uns verbinden, bewegen mich, tauchen vor mir auf. Ich denke daran, dass wir lieben, streiten, uns nah sind und dass es so etwas wie einen Verlust gibt. Traurigkeit überfällt mich. Ich bin so voller verschiedener Gefühle. „Wie kann ich mit Gefühlen umgehen?“ frage ich mich. Das sind oft schwierige, negative, unangenehme, belastende Gefühle: Wut, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Angst. Ich erfühle die Gesamtheit und Verbindung unserer beiden Leben. Ich lese in dem Buch von Dorothe Mihm und Annette Bopp: „Die sieben Geheimnisse guten Sterbens“:

  • Der Tod gehört zum Leben
  • Innere Hindernisse überwinden
  • Das Sterben verstehen
  • Über den Körper die Seele erreichen
  • Entwicklung hat keine Grenzen
  • Das Lassen lernen
  • Die Liebe finden

Sterben ist für mich auch ausatmen, Kontrolle abgeben, loslassen und dem Vergehen seinen Raum geben. Ich erlaube, dass alles stattfinden darf. Schaue ich mir den Rhythmus in der Natur an, ist Sterben etwas ganz Natürliches.

Ich entdecke in diesen Nächten, was mein Papa mir bedeutet, und die die Liebe zu ihm. Mein Papa spiegelt mir, was ich zu lernen habe: alles, was mir auf dieser Welt wichtig ist, gehen zu lassen. Wenn der letzte Tag meiner Eltern irgendwann kommt, und keiner von uns wird wissen, wann das sein wird, werde ich die Traurigkeit und das Unaushaltbare aushalten.

Loslassen 

Das Lassen üben können wir jeden Tag von Neuem. Dabei steigere ich mich langsam: Mache dem Nachbarn, dem Müllmann, dem Briefträger, der Putzfrau, dem Kollegen ein Geschenk. Es muss nichts Großartiges sein. Etwas ganz Einfaches wie eine Mut machende Karte, einen Kaffee, eine Tafel Schokolade…Verschenke es einfach so, ohne Absicht und Anlass. Verschenke dich großzügig und völlig uneigennützig. Und dann beobachte, wie sich das innerlich auswirkt. Was verändert sich? Wie fühle ich mich?

Ich steigere anschließend diese Übung, indem ich mich von etwas trenne, woran ich wirklich hänge. Ganz egal, was es ist. Entscheidend ist, dass mir dieser Gegenstand etwas bedeutet. Ich löse mich bewusst davon. Ich verschenke diesen Gegenstand wiederum ohne Absicht und Anlass.

Auf ähnliche Art und Weise können wir das Lassen üben, wenn es um Gefühle geht. Wenn ich mich so richtig ärgere, wütend oder aggressiv bin, kann ich in der Situation auch tief durchatmen, innehalten und überlegen: „Welcher Anteil in mir regt sich da so auf?“ oder „Wer wurde nicht ausreichend gewürdigt und beachtet?“

Die Angst vor dem Tod, die uns hindert, Sterbende zu begleiten, hindert uns oft auch am Leben. Lasse ich mich auf den Tod ein, lasse ich mich auch auf das Leben ein!
Der Schritt in die Angst und über die Angst hinaus ist ein großer und schwerer Schritt. Aber er ist so bereichernd für unser Leben.
Unser Licht, unsere Liebe, sind Teil dessen, was das Leben ausmacht. Wir sind ein Teil des Lichtes und der Liebe, von der alles lebt. Lassen wir unser Licht und unsere Liebe in uns aufscheinen. Lassen wir die Energie durch uns hindurchfließen. Seien wir freundlich, liebevoll, demütig, allem und jedem gegenüber, der uns begegnet. Egal ob er nun krank, alt, jung, gesund, sterbend oder noch sehr lebendig ist.

Wie stehst du zu dem Thema?
Ich freue mich über deine Gedanken, Ängste oder Erfahrungen zu diesem beWEGenden Thema.
Alles Liebe
Gwynnefer Sylvia


Frauen fühlen sich Leben und Tod in besonderer Weise verbunden.
Lies dazu auch mein Plädoyer für eine lebendige Beziehung zum Tod 

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Mein Jahr 2016
Kein fliegender Wechsel

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3 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Liebe Gwynnefer,
    danke für deine Worte über das Leben und Sterben und auch über dein Plädoyer für eine lebendige Beziehung zum Tod. Sie haben mich zutiefst berührt. Meine Mutter ist Anfang Dezember verstorben und deine Worte geben mir in dieser schweren Zeit Trost.
    Es sind auch viele Gedanken und Impulse hochgekommen, denen ich in den nächsten Tagen nachspüren will und die mir helfen beim Annehmen, Loslassen und Weitergehen.
    Viele liebe Grüße
    Andrea

    Antworten
  • Liebe Andrea,

    Mögest du einig sein mit deinem Schicksal!
    Mögest du zum Guten wenden, was dich im Moment noch stört.

    Alles Liebe auf deinem Weg
    Gwynnefer Sylvia

    Antworten
  • Liebe Gwynnefer, auch ich beschäftige mich regelmäßig mit dem Tod, dem Sterben, dem Loslassen können / müssen.
    Mich begleitet gefühlt schon mein ganzes Leben der Tod: zunächst starben meine Großeltern (als ich junge Teenagerin war), dann starben auch schon damals Freunde, entweder durch Krankheit oder aber auch Auto-/Motorradunfälle, als ich 24 war starb überraschend mein Vater, später mein bester Freund und schließlich vor zwei Jahren meine lebenslustige, bin mir über alles geliebte Mutter….
    Seit August letzten Jahres arbeite ich nun ehrenamtlich einmal die Woche in einem Hospiz. Das war einer meiner großen Wünsche, den ich mir gemeinsam mit meiner Freiberuflichkeit als Glückslehrerin nach 28 Jahren vollberuflicher Lehrerinnentätigkeit „gegönnt“ habe!
    Wenn ich Seminare oder Vorträge über Glück halte, rede ich IMMER auch über das Sterben, den Tod. Den sich ich glaube, wie du, dass ein erfülltes Leben erst dann möglich ist, wenn man den Tod akzeptiert und schätzt. Für mich macht das Leben erst Sinn durch seine Endlichkeit. Und wenn ich im Hospiz auf Sterbende treffe, womöglich auch meines Alters oder gar jünger, dann rückt das in Nullkommanix meine Prioritäten zurecht. Dann erscheinen meine „Probleme“ schlagartig als winzig – und Dankbarkeit für all das, was ist in meinem Leben, macht sich breit.
    Danke daher für deinen Artikel!
    Schönste Grüße von Martina ?

    Antworten

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