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Hier ein Blogbeitrag von einer Frau,welche nicht namentlich genannt werden möchte. 


Frauen und Macht = Karriere?

Meine erste Assoziation zu diesem Thema war ein Klischee, gespeist von der Werbung: Das Bild einer gut aussehender Frau im Büro der Chefetage, Teppich, grosser Schreibtisch, grosser Chefsessel. Sie trägt natürlich einen teuren Businessanzug und High-Heels. Lässig und selbstbewusst – eine die es geschafft hat.Mein zweiter Gedanke war daher „Ach nee, das ist ja so gar nicht mein Thema, damit kann ich nichts anfangen“. Karriere machen stand auf meiner Prioritätenliste noch nie sehr weit oben. Dafür hatte ich wohl immer viel zu sehr damit zu tun, den Kopf über Wasser zu halten.

(Selbst-)Ermächtigung

Der Gedanke an dieses Thema liess mich dann aber nicht mehr los, es rumorte in meinem Unterbewussten. Weitere Assoziationen, die an die Oberfläche kamen, waren die Worte Ermächtigung und Selbstermächtigung – Empowerment eben –, und das ist es, was ich im Grunde die ganze Zeit beruflich tue, zumindest versuche ich es. Ich begleite und stärke Menschen auf ihrem eigenen Weg, sei es durch Krisenzeiten hindurch oder bei weniger existentiellen Problemen. Aber immer geht es um ein Stück mehr Selbst-Werdung, Selbstbestimmung und Autonomie.

Ich bin Sozialarbeiterin, freiberufliche systemische Therapeutin & Coach für hochsensible Menschen. Ich bin selbst hochsensibel. Wie kam ich zu diesem Beruf, der wohl eine Berufung ist? Es war und ist noch heute manchmal ein steiniger Weg. Warum, das will ich hier kurz erzählen.

Macht und Ohnmacht

Das Gegenteil von Macht ist Ohnmacht. Ohnmacht zu erleben ist für Menschen eine Grenzerfahrung und wird definiert als psychische Macht- oder Hilflosigkeit. Man kann sich in der Situation nicht wehren und ihr auch nicht entfliehen. Wenn Kampf oder Flucht nicht möglich ist, bleibt nur der Totstellreflex.
Im übertragenen Sinn habe ich genau das in meiner Kindheit angewandt. Wenn man als Kind einem cholerischen Narzissten als Vater ausgeliefert ist, ist ein gutes Mittel der Wahl so zu tun als existiere man nicht: Lieb, brav & angepasst sein, nicht gesehen und gehört werden und immer im vorauseilenden Gehorsam Leistung erbringen. Nicht dass eine gute Leistung jemals gesehen oder gelobt wurde. Aber es half immerhin, weniger Kritik, Abwertung oder Schläge einzufangen. Meine Mutter war die Tochter einer Narzisstin und daher auf die Bedürfniserfüllung für andere programmiert – und somit nur selten eine Hilfe, auf jeden Fall kein durchschlagender Gegenentwurf zu meinem Vater.
Meine Hölle war ein Häuschen in einem braven Vorort mit braven Bürgern, eine Hölle hinter Vorgarten und Spitzengardinen.

Trauma

Heute gibt es endlich einen Begriff dafür: Bindungstrauma. Bindungstraumata entstehen nicht nur durch sexuellen Missbrauch sondern auch durch emotionalen Missbrauch, das heisst durch andauernde seelische Gewalt in der Kindheit. Ein Thema, das leider noch viel zu wenig Beachtung erfährt. Die Formen sind vielfältig und reichen von emotionaler Vernachlässigung und Ablehnung über immerwährende Kritik, Abwertung und Beschimpfung hin zu Drohungen und physischer Gewalt. Ein Bindungstrauma löst vielfältige, heftige Gefühle aus, die jedoch aus Selbstschutz abgespalten und somit nicht mehr gefühlt werden.

Traumata heilen nicht von selbst, auch wenn traumatisierte Menschen je nach individuellen Lebensumständen ein mehr oder weniger funktionierendes Leben führen, erfolgreich einen Beruf ausüben und Familie haben.

Das Selbstwertgefühl wird auf jeden Fall sehr geschädigt. Es kann sich unter solchen Umständen nicht bis kaum entwickeln – natürlich je nach Charakter des Kindes und vielen anderen Faktoren, die in solchen Situationen Einfluss nehmen. Heute wird das unter dem Begriff der Resilienz viel diskutiert.

Ich war jedenfalls kein resilientes Kind. In meiner Pubertät wurde ich jedoch zur Rebellin, um psychisch zu überleben, weil ich sonst zerbrochen wäre. Denn es hagelte zusätzlich noch Verbote; Freunde bekamen Besuchsverbot, ich bekam tagelangen Hausarrest. Der Vorwand meiner Eltern war meist eine schlechte Note in Mathematik. Die Einsernoten in Sprachen zählten nicht, weil nichts zählte, was leicht war.
Das war die Spitze des Eisberges, darunter ein Klima von Entwertung und Angst. Aber das spürte ich schon nicht mehr.

Nichts spüren = Ohnmacht

Nach meinem Abitur verliess ich mein Elternhaus sofort und verklagte meinen Vater auf Unterhalt, um mein Studium nicht ganz alleine finanzieren zu müssen. Denn ich sollte natürlich eine Lehre absolvieren, weil Mädchen sowieso heiraten. Das war 1989.

Zu dieser Zeit genoss ich aber auch meine Freiheit und mein Leben und fühlte mich stark. Kurze Phasen, in denen ich alles sinnlos fand, verdrängte ich immer wieder erfolgreich. Dass ich dachte, ich kann sowie nichts, führte ich auf meine Jugend zurück und fand, mit etwas Berufserfahrung würden sich die guten Gefühle schon einstellen. Dass ich mich eigentlich klein und wertlos fühlte, spürte ich nicht.

Später traf ich meinen heutigen Partner, mit dem ich seit über 20 Jahren zusammen bin. Obwohl ich mir eine so lange Beziehung nie gewünscht hatte – Vertrauen fällt mir nicht leicht -, ist es aus heutiger Sicht das Beste, was mir passieren konnte. Als er mir das erste Mal sagte, dass er mich liebt, war meine Antwort: „Wenn Du mich erst einmal besser kennst, wirst du das nicht mehr sagen“. So gross war mein Selbsthass, aber ich spürte ihn nicht.

Mein Partner ist nicht nur äusserlich sondern auch charakterlich das absolute Gegenteil meines Vaters: Geduldig, freundlich, unglaublich positiv und lebenslustig, gesellig, nie verurteilend, nie manipulativ, immer durch das Gespräch eine Lösung suchend. Ohne ihn wäre ich nicht mehr hier, er erinnert mich immer an das Gute im Menschen – und dass es das tatsächlich gibt.

Auch wenn ich schon immer neugierig und wissbegierig war, viele Weiterbildungen absolvierte und immer dazulernte, hatte ich also nie das Gefühl, gut genug zu sein. Ich fühlte mich eher als Hochstaplerin und fürchtete, dass eines Tages jemand bemerken würde, dass ich genau das war. Wenn dieser Gedanke aufflammte, meldete ich mich zur nächsten Fortbildung an. Wenn ich eine gute Beurteilung von meiner Chefin erhielt, hatte ich das Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein. Naja, ich strengte mich zugegebenermassen auch mächtig an. Mein zweiter Vorname war Perfektionistin.
Die Angst zu versagen, sass mir jeden Tag im Nacken, aber ich spürte sie nicht.

Gefühle zulassen = Macht

Die grosse Veränderung kam vor ein paar Jahren mit einem Burnout. Schlafstörungen und Panikattacken waren dem schon wochenlang vorausgegangen, aber Miss Perfektionistin hatte durchgehalten. Es folgte der ganz grosse Zusammenbruch. Die ganze Fassade, die ich – auch vor mir selbst – aufgebaut hatte, fiel zusammen. Nichts ging mehr. Ich war monatelang ein heulendes Elend – und gleichzeitig war es der Wendepunkt zur Heilwerdung.

Es kamen all die schmerzlichen Gefühle an die Oberfläche und wollten beachtet werden, gesehen und gefühlt werden – getröstet werden -, die ich jahrzehntelang verdrängt und versteckt hatte. Es gab Tage, da sass ich nur da und erinnerte und fühlte und weinte.

Es war anstrengend, unglaublich anstrengend, und anfangs machte mir das sehr grosse Angst. Es war wie im Dunkeln auf dem Meer zu navigieren, in einer Nussschale ausgesetzt, keine Ahnung wohin es geht; keine Ahnung was da draussen ist; keine Ahnung was einen erwartet; es beutelte mich nur fürchterlich und dadurch wirkte es anfangs unheimlich und sehr bedrohlich. Denn das alte Leben greift in einer solchen Situation nicht mehr.
Freunde zu treffen war in dieser Zeit kaum möglich, auch wenn ich liebevolle Angebote erhielt. Ich war über ein Jahr krank geschrieben, was mir grosse Schuldgefühle verursachte, auch wenn mein Arbeitgeber verständnisvoll war.
Doch auch wenn all dies zuerst bedrohlich wirkte, so war es irgendwann auch sehr befreiend; und wenn man sich auf den ganzen, langen Prozess einlässt, ist es unglaublich lohnenswert. Es ist heilsam, denn es führt dich zu dir selbst. Es ist der erste Schritt zur Selbstermächtigung.

Der erste Schritt zur Selbstermächtigung

Es ist der erste Schritt zur Selbstermächtigung, weil man wieder mit sich und seinen Gefühlen in Kontakt kommt. Und die Gefühle zeigen einem, wer man ist, was man möchte und braucht. Welches Leben zu einem passt und nicht, was andere finden, welches Leben man führen sollte.
Ich habe mich auf diesen anfangs angstbesetzten Prozess eingelassen, weil ich nun spürte, dass es richtig ist, auch wenn ich Angst hatte. Das hat mich auch gelehrt, mich von bestimmten Vorstellungen zu verabschieden, zum Beispiel wie lange ein Trauerprozess zu dauern hat, wieviel man weinen darf, wieviel Wut man sich erlauben darf. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Seele – das höhere Selbst? – mich durch diesen Prozess führt, als ich mich darauf einliess: Mich auf meine Gefühle einliess, sie zuliess, sie fühlte. Manchmal dachte ich, dass ich gerade dieses eine Gefühl, das sich zeigte, nicht überlebe, weil es zu schmerzhaft ist. Doch ich habe es überlebt, indem ich dem allem Raum gab.
(Ich denke aber auch, was man unbedingt braucht, ist wenigstens ein Freund oder eine Freundin und auf alle Fälle eine/n gute/n Therapeut/in, die diesen Prozess mittragen).

Freiheit = keine Angst vor Gefühlen = Macht

Die Sängerin Tori Amos hat einmal gesagt: „Freiheit ist, wenn man keine Angst vor irgendeinem Gefühl hat, ob Trauer oder Glück“. Genauso ist es.

Und diese Freiheit bedeutet für mich Macht. Es geht nicht darum, dass mich niemand mehr kränken oder mir Steine in den Weg legen kann, aber der Gedanke daran schreckt mich nicht mehr sehr. Weil ich weiss, dass ich die ganz traurigen Gefühle schon erlebt habe und durch sie durchgegangen bin. Sie haben mich stärker gemacht, auch wenn ich längere Zeit nicht daran geglaubt habe, aus der Nussschale in der Dunkelheit je wieder an`s Tageslicht zu kommen.

Heute denke ich, dass mein Vater es nicht ertragen hat, eine kluge Tochter zu haben. Er hielt so grosse Stücke auf seine Intelligenz und konnte daher kein intelligentes Kind neben sich ertragen. Ich denke auch, es steckte noch eine grosse Portion Frauenfeindlichkeit dahinter. Meine Mutter hat sich oft von seiner Negativität und Kritiksucht anstecken lassen, sie kannte es auch nicht anders. Aber sie hat immerhin gegen den Willen meines Vaters dafür gesorgt, dass ihre beiden Töchter Abitur machen können. Dafür bin ich ihr dankbar.

Macht ist für mich daher die Selbstermächtigung, sich nicht mehr klein machen zu lassen und vor allem: Sich selbst nicht mehr klein zu machen!

Die Dominanz des Mitgefühls
Lebensmitte

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