Zwei Seelen in meiner Brust

Ich spreche über die Bedürfnisse Sicherheit und Dominanz: Sie unterscheiden sich stark voneinander. Dennoch bedingt das eine, das andere.

Ein Teil meiner Persönlichkeit denkt in Schubladen. Ich habe eine Schublade für das Bedürfnis Sicherheit. Eine andere Schublade habe ich für das Bedürfnis Dominanz. Die beiden Schubladen berühren sich nicht. Denke ich über ein Bedürfnis nach, gehe ich zu einer bestimmten Schublade. Ich öffne die Schublade und schaue hinein. Dabei denke ich darüber nach, was in dieser Schublade ist. Ich schließe die Schublade wieder und verstaue sie. Dabei passe ich auf, dass ich keine andere Schublade berühre. Immer öffne und schließe ich die Schubladen einzeln und nacheinander. Alles ist einfach und schön übersichtlich.

Werde ich gefragt:  “Welches Bedürfnis hast du gerade?”, stehe ich verzweifelt und Schulter zuckend vor meinem Gegenüber. Ich kann in diesem Moment nicht sagen, welches Bedürfnis ich habe.

Ich habe entdeckt, dass ich ein unendliches Bedürfnis nach Sicherheit in mir trage. Als ich das erste Mal spürte, wie groß mein Bedürfnis nach Sicherheit ist, hat mir die Erkenntnis die Tränen bis sonst wohin getrieben. Ich passe mich oft an, um Sicherheit herzustellen. Mein Inneres Kind leidet oft. Es gab in meiner Familienstruktur zwar sichere, aber nicht stimmige Strukturen. Sie waren oft löchrig. An manchen Stellen bekam ich Schutz und bei anderen wieder nicht. Für mich waren meine Elternbotschaften nicht sehr klar, sondern sehr verschwommen. Einmal war es das und dann war es das. An den schwammigen Botschaften konnte ich mich nicht orientieren und machte dementsprechende Erfahrungen. “Welche Strukturen oder Regeln konntest du verinnerlichen, an denen du dich orientieren kannst für deine  Verwurzelung, um dann eine gesunde Basis für dein Leben zu haben?”, wurde ich von einer Freundin gefragt. Ich bin betroffen und traurig, weil ich keine verinnerlichen konnte. Meine Erfahrungen in meiner Kindheit haben dazu beigetragen, dass das in dem Maße, wie es für mich wichtig gewesen wäre, nicht stattfinden konnte. Wo kann ich Sicherheit in meinem Körper fühlen, so dass der ganze Körper und meine ganze Seele sagen: “Ja, du bist sicher. Mit dieser inneren Sicherheit kannst du dich ins Leben trauen”?

Ich assoziiere das Bedürfnis Dominanz mit den Worten “wirken”, “wirken lassen”, “erschaffen”, “schöpfen”, “in Handlung sein” und “Ziele erreichen”. Meinen eigenen Raum einnehmen, klare Grenzen setzen und ein “Nein” zu kommunizieren, ist ein dominantes Verhalten. Gelingt mir das, spüre ich eine Wirksamkeit in mir.

Ein anderer Teil meiner Persönlichkeit denkt völlig anders und wie ein Wollknäuel: Alles ist mit allem verbunden und steht in Beziehung zueinander. Wie vereine ich mein Bedürfnis nach Sicherheit und Frieden mit meinem Bedürfnis nach Dominanz? Mein Verstand schaltet nie ab. Es ist wie reges treiben im Wespennest. Meine Bedürfnisse werden von der Energie angetrieben, die ich Emotionen nenne. Ich nehme jede Emotion gleich wichtig. In Sekundenschnelle kommen sie und bewegen mich. Hier werden die Bedürfnisse komplexer.

“Grundsätzlich widersprechen sich die Bedürfnisse nicht” ist eine Aussage aus der gewaltfreien Kommunikation. Was sich widerspricht und nicht vereinbar sein kann, sind die Strategien, mit denen ich probiere, meine Bedürfnisse zu erfüllen. Nachfolgend ein Beispiel. Ich erlebe Sicherheit auf meiner Couch. Ich habe es mir schön gemütlich und bequem gemacht.
Ein anderer Teil in mir will Dominanz und Herausforderungen im Leben. Meine Strategie besteht bei diesem Bedürfnis darin, dass ich einen starken Drang habe Dinge umzusetzen und in Handlung zu kommen. Ich besitze einen hohen Dringlichkeitssinn, um Probleme zu lösen und Ergebnisse zu erzielen. Kann ich beide Bedürfnisse vereinen, indem ich von meiner gemütlichen Couch aus ehrgeizig und fleißig bin? Abenteuer kann ich dann maximal noch im Fernseher erleben. Aber eben nicht real. Das sind die Strategien. Es macht Sinn, die Aussage der gewaltfreien Kommunikation und die Strategien zu unterscheiden. So, dass sich die beiden Bedürfnisse nicht widersprechen, sondern anfangen, sich zu ergänzen. Oder dass das eine Bedürfnis dem anderen hilft.

Mein Job im Altenpflegeheim, meine Arbeit im Garten, was ich in der Familie tue ist Ausdruck meiner Selbstwirksamkeit. Es steckt bereits im Wort selber. Ich sehe es als mein WIRKEN in der Welt. Ich verstehe Dominanz als Wirksamkeit. Manches von diesem Wirken bekomme ich bezahlt, anderes nicht, wie meine Tätigkeit im Ehrenamt. Ich wirke immer. Jede Frau ist ein schöpferisches Wesen. Dein Wirken ist eine der tiefsten Quellen deines Selbstbewusstseins. Es spiegelt wieder, wie du Situationen bewusst gestaltest. Du bringst dich ein mit dem was du glaubst, was du wertschätzt und worin du einzigartig bist. Andere Menschen nehmen dich darüber wahr. Das wiederum kann dir Sicherheit geben.

“Aha, ich habe ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Was spüre ich dabei?”
“Aha, für mich steht das Bedürfnis nach Dominanz konträr zur Sicherheit. Fühlt sich das energetisch gut an?”
“Aha, ich frage mich, wie bekomme ich das vereint?”
Das sind alles Fragen in meinem Prozess des Aufwachens, Bewusstwerdens. Dieser natürliche Prozess benötigt Zeit zum Reifen. Intuitiv schenke ich mir gerade Zeit und hetze nicht durch mein Leben. Ich gehe Schritt für Schritt, in meinem Tempo, auf meinem Weg. Viel bewegt sich in mir. Ich lasse alles in mir wirken.

Natürlich kann ich dominant sein und dominant auftreten. Wenn ich in mir genährt bin, für mich auf einem guten Boden stehe und meine Selbstsicherheit spüre, dann habe ich auf eine gewisse Art Autorität. Dann muss ich Dominanz noch nicht einmal machen und auch nicht sagen “Jetzt muss ich aber.” Wenn ich in mir ruhe, gebiert das etwas aus sich heraus. Auf diese Weise mache ich meine Autorität geltend und erfülle einen Aspekt meines Schicksals. Das ist die eine Möglichkeit.
Die andere Möglichkeit ist, auf das, was von außen auf mich zukommt, Stellung zu beziehen. Einen Standpunkt einzunehmen ist einfacher, wenn ich den Boden unter meinen Füßen spüre.

Wenn ich in mir in Frieden bin, fühle ich mich sicher. Wenn ich mit mir in Frieden bin, können andere das annehmen und weitertragen. Für mich schließt sich der Kreis an dieser Stelle. Ich bewirke bei anderen etwas. Sicherheit und Dominanz sind vereint. Wenn mir andere Menschen begegnen, treten sie auch in meinen Strom mit ein. Sie empfangen meine Welt in sich. An dieser Stelle gibt es eine ganz stille Wirksamkeit. Aus mir heraus zu wirken, geht viel tiefer bei anderen rein, als aus irgendeinem Konzept heraus zu handeln.

Was du von einer Schnecken lernen kannst!
Bauch oder Kopf – wer entscheidet?

Ähnliche Beiträge

No results found

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Liebe Gwynnefer, guten Morgen!
Da hast du mich berührt mit deinen Zeilen. Ich lese unheimlich gerne deine differenzierten und wie ich finde klugen Ansatze zum Thema “Bedürfnisse”. Dominanz als Wirken bzw. Wirksamkeit zu beschreiben leuchtet mir total ein. In meiner musiktherapeutischen Arbei mit blinden, mehrfachbehinderten Kindern und Jugendlichen fällt mir auf, wie wunderbar ein Wirken, das Erleben von Urheberschaft über das Musizieren – sich selbst als Akteur seiner Klänge erleben – geschehen kann.
Dein letzter Absatz ist besonders schön: Wenn du im Frieden bist, dich sicher fühlst strahlst du das aus und bewirkst im anderen etwas. Das kann ich mir total vorstellen! Und das lässt sich sicher auf viele Bereiche beziehen: deine Tätigsein mit den Senioren, dein Schaffen in der Coaching-Arbeit, in deinem ganzen Schöpferisch-Sein.
Ich stelle bei mir fest, dass meine Bedürfnisse nach Stimulanz und Dominanz deutlich größer sind als das nach Sicherheit. Mein Mann sagt, ich brauche ein gewisses Entertainment, was erst einmal komisch klingt, da ich kein wer weiß wie ausschweifendes Leben führe. Doch ist mir oft nach Neuem, auch im Kleinen, nach neuen Erkenntnissen, kleinen Premieren, sprich etwas ausprobieren, was vorher noch nicht da war. Im Kundalini-Yoga und auch im Schreiben kann ich mich austoben, auch in den Auftritten mit meiner Schwester (Geige, Klavier).

Nun wünche ich dir schöne Sommertage und ein Wirken in deinem Sinne, auf sicherem dir gemäßen Boden,
herzlich, Carolin

Antworten

Liebe Carolin,

unserer aller Persönlichkeiten sind so verschieden. Darum finde ich es so wichtig zu wissen wie ich ticke. Denn nur so werde ich unabhängig, frei und bin nicht mehr manipulierbar. Unsere Persönlichkeit bestimmt, welche privaten und beruflichen Ziele für uns wichtig sind, wie wir andere einschätzen und welche Stärken und Schwächen wir haben. Wichtig: Es gibt keine „ideale Persönlichkeit“. Jede Stärke ist zugleich auch eine Schwäche et vice versa.

Hier gibt es einen kostenlosen Test zu deiner Persönlichkeit.
https://www.intem.de/persoenlichkeitstest/

Viel Freude mit neuen Erkenntnissen, herzlichst Gwynnefer

Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus

Ich stimme zu.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü