Der Weg zur Selbstliebe über meinen Hund

In den letzten Wochen habe ich viel gearbeitet. Ich musste für meine vier kranken Kolleginnen mitarbeiten, und das auf vier Wohnbereichen gleichzeitig. Ich hätte Lotte besuchen müssen. Diese Gedanken machen mir das Leben schwer. Mein innerer Antreiber macht seinen Job gut: Ich wurde selbst krank, bekam einen starken Husten und jetzt habe ich die Nase voll.
Je mehr Druck ich mir mache, desto schwerer wird mein Leben. Wenn wir das Gefühl haben, nur noch zu funktionieren, zu leisten, uns anzustrengen, zu kämpfen und für andere zu sorgen, spätestens dann ist es Zeit für eine Pause.

Jenseits von meinem Alltag sitze ich in einem gemütlichen Ferienhäuschen im Vogtland und nehme mir ein paar Tage Auszeit. Es steht auf einer Anhöhe und mein Blick schweift über das Tal. Am Horizont erblicke ich eine abwechslungsreiche Herbstlandschaft und viele Naturschönheiten bestimmen das Bild. Die Gedanken kommen zur Ruhe. Ich schöpfe Kraft und besinne mich auf das Wesentliche. 
Ich nehme mir fünf Tage Auszeit von gesellschaftlichen Verpflichtungen, von Stress, Druck, Hektik und lauten Geräuschen, dem Großstadtlärm. Ich denke weder über Probleme, noch über zu erfüllende Aufgaben oder zu erledigende Dinge nach. Neue Eindrücke, freie Umgebung und Luftveränderung tragen dazu bei, dass ich mich so erholt wie schon lange nicht mehr fühle. Die Stille intensiviert meine Beziehungsprozesse zu meinem Mann und meiner Hündin Luna.

Während unseres Abendspazierganges zu dritt liegt die Abendsonne weich über dem Feldweg, der sich vor uns ausdehnt. Es sind noch einhundert Meter bis zu unserem Eingangstor, als plötzlich ein fremder, kräftig gebauter Schäferhund davor erscheint. Luna versteckt sich hinter mir. Ich wundere mich darüber, weil andere Hunde sonst immer ihr Interesse wecken. Als Hundehalterin habe ich die Aufgabe, Luna zu führen und wortlos mit ihr im Kontakt zu sein. Die Person an der Spitze führt die gesamte Gruppe. So ist das bei Hunden. 
Als wir ungefähr fünfzig Meter vor dem Haus sind, rennt der Schäferhund geradewegs auf Luna zu. „Was machen wir denn nun?“, frage ich meinen Mann erschrocken. Ein Gefühl von Angst macht sich in mir breit. Am liebsten würde ich mich ganz darauf verlassen, dass der Schäferhund wieder abdreht und von Luna ablässt. Dadurch könnte ich mich besser auf die Führung von Luna konzentrieren. Ich fühle, wie mir der Schweiß ausbricht und ich in Panik gerate. Der Schäferhund geht hoch aufgebaut um Luna herum. Luna ist ängstlich, mit eingezogenem Schwanz steht sie da. Sie sieht mich intensiv an. Für mich ist das der Moment einer Entdeckung: Ich habe den Kontakt zu Luna verloren, weil ich sie nicht sehe und mich auf die letzten Meter bis zum Gartentor konzentriere.
Kennst du das auch in deiner Welt, dass jemand direkt auf dich zukommt und du das gar nicht willst? In welchen Beziehungen hast du den Kontakt mit dir verloren? Wie gehst du mit Menschen in Begegnung und auf sie zu? Stürmisch, achtsam, respektvoll…? All diese Fragen entstehen in mir.
„Luna komm“, rufe ich ihr zu und will sie aus der misslichen Situation befreien. Doch sie steht wie erstarrt da und erkennt respektvoll den Schäferhund an, bis dieser sein Interesse verliert. Erst danach kann sie meinem Befehl folgen. Mich für meine Ängste schuldig zu fühlen, hilft mir und Luna aber nicht weiter. Im Gegenteil: Meine Aufgabe als Hundebesitzerin und Rufelführerin besteht darin, meine Ängste in den Griff zu bekommen und konstruktiv damit umzugehen. Luna hilft mir, mein Einfühlungsvermögen zu trainieren, und zudem ist es gut für unsere Beziehung.

Alles scheint so leicht und einfach zu sein, wenn ich mit der Natur und seinem Rhythmus mitschwinge. Die Energie, die in meinem Alltag durch viele Verpflichtungen und Ablenkungen gebunden ist, steht mir hier frei zur Verfügung. Ich bin meiner Quelle so nah. Und weil außen wie innen ist, wie ein altes Sprichwort sagt, spiegelt die Natur meine innere Quelle wider. Ich liebe Luna sehr, genauso wie die Natur, die durchdrungen ist von Weisheit. Sie ist Balsam für meine Seele.
Das Wesentliche am Leben ist für mich, mit dem Universum und der Natur sowie mit anderen Menschen und Tieren in Verbindung zu treten. Immer wieder erfordert es meine Hingabe im Zusammensein. Um langfristig miteinander zu leben, muss man sein dürfen, wie man ist, und selbst einen Weg finden, sich an eine Beziehung anzupassen. Dabei bin ich der erste und wichtigste Mensch in meinem Leben. Das ist die Basis für erfüllte, wahrhaftige Beziehungen, denn die erste Beziehung, die wir haben, ob bewusst oder unbewusst, ist die zu uns selbst.
In der Stille werden mir meine Grenzen bewusster, die es gilt im Vertrauen aufzulösen. Ich denke viel über andere Menschen nach. Ich frage mich oft, wie jemand ist und warum. In einer Beziehung richte ich mich meist nach dem anderen. Tatsächlich muss ich höllisch aufpassen, dass meine eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen.
Honare de Balzac sagte einmal folgendes; „Die Liebe zur Natur ist die einzige Liebe, die menschliche Hoffnung nicht enttäuscht“. Diesem stimme ich aus ganzem Herzen zu. Ich entdecke die Natur immer wieder für mein Seelenleben. Die „Macherin“ in mir wird immer mehr abgelöst vom authentischen Sein. Diese Momente waren und sind mir die kostbarsten.
Gib niemals vor, etwas zu sein, was du nicht bist, sagt Luna auch in ihrer Sprache zu mir.
Es gibt so vieles, was ich von ihr lernen kann. Unter anderem auch, dass Führung nur über Verbindung und gegenseitige Wertschätzung gelingt.

Nach diesen Tagen der Stille, gilt es, das Wesentliche in meinen Alltag zurückzubringen. Während meiner Spazierrunden zu Hause beobachte ich, dass ich noch sehr wenig über die Persönlichkeit meiner Hündin weiß. Aber ich erhalte immer nur Antworten auf Fragen, die ich mir auch wirklich stelle. Mir fällt auf, wie viel Raum die Bewältigung meines Alltages auf meinen Spaziergängen mit meiner Hündin Luna einnimmt. Der Wirrwarr meiner Gedanken lässt mich oft zu einem Kopf auf zwei Beinen werden, ohne dass ich das bewusst steuern könnte. Will ich nachdenken, kann ich mich nicht auf Lunas Interesse konzentrieren. Jedes Nachdenken und Grübeln trennt mich von der Natur, von Luna und von anderen Menschen. Wenn ich mich innerlich mit dem verbinde, was Luna erlebt und tut, werden meine Spaziergänge im Alltag zu Ruheinseln, zu meiner kleinen Auszeit vom Alltag. Ich erlaube mir selbst, dass unsere Spaziergänge an frischer Luft eine handyfreie Zeit ist. Jede Pause ist dazu da, bewusst zu mir zurückzukehren und bei mir selbst zu sein.

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8 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • wundervoller Text. Du schreibst so wunderbar, man hat das Gefühl dabei zu sein und alles mit dir mitzuerleben. Danke.

    Antworten
  • Auch ich danke dir von Herzen, liebe Gwynnefer! Es tat mir gut, deine Zeilen zu lesen. Wie meine Vorrednerin bereits anmerkte: Auch ich habe das Gefühl, dabei zu sein – mit dir, deinen Gedanken, Empfindungen, Erkenntnissen, mit & in der Natur. Wie gut, dass du Luna hast! Und dass du dir diese Auszeit genommen hast. Ich habe mich soeben bei deinem Raunachts-Kurs angemeldet, ahne und spüre immer mehr, wie viel ich mit und von dir lernen kann.
    Auch mich zieht es immer stärker in die Natur – in den Wald, das Meer. Gerade gestern habe ich ein stilles Wochenende für mich und meinen Mann in einerm Kloster im Harz „organisiert“ – ich freu mich riesig!
    Schreibe und teile bitte bloß weiter:-), und gehab dich wohl.

    Alles Liebe, Carolin

    Antworten
    • Liebe Carolin,

      wir lernen voneinander und inspirieren uns gegenseitig. So machen Frauen das. 🙂
      Für mich ist die Natur ein absoluter Kraftplatz.
      Ich wünsche euch stille und wahrhaftige Momente in eurer Zeit. So wichtig. Auch für die Beziehung.

      Danke für dein Kompliment.
      Liebe Grüße

      Antworten
  • Regina Porzig
    26. Oktober 2017 12:02

    Danke Dir liebe Gwynnefer,
    für die Erkenntnisse aus deinem Leben.
    Einige Situationen sind mir vertraut und regen mich zum Nachdenken an. Unter Berücksichtigung was Du für Dich daraus schließt, sehe ich meine eigenen von einem anderen Gesichtspunkt. Ja und so betrachtet, bringt neue Gedanken und Lösungen.
    Herzlichste Grüße von Regina

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    • Hallo liebe Regina,
      so schön von dir zu lesen. Ist zwar schon lange her. Aber ich denke immer wieder an dich. Auch an die Weihnachtsfeier bei euch. Ist ja bald wieder soweit.
      Ich hoffe es geht dir gut!?
      Fühle dich von mir umarmt
      Gwynnefer

      Antworten
  • Liebe Gwynnefer,
    das, was du schreibst, hat mich sehr berührt. Mit Hunden – bewusst – zu leben, bringt eine Menge an persönlicher Entwicklung mit sich, weil die eigenen Baustellen so gut zu Tage kommen… Ich habe eine unglaubliche Menge von der bekannten Hundeflüsterin Maja Nowak gelernt. Sagt sie dir was? Wenn nein, schau mal bei youtube, ihre Lehrvideos sind herausragend. Liebe Grüße!

    Antworten
    • Lieber Andreas,

      ich habe zwei ihrer Bücher gelesen. Ich empfehle sie auch gerne weiter. Sie macht eine hervorragende Arbeit.

      Liebe Grüße
      Gwynnefer

      Antworten

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