Was bereust du, wenn dein Leben zu Ende geht?

Ich sitze am Bett von der fünfundneunzigjährigen Ruth. Heute findet sie nicht die Kraft zwei Türen weiter, in den Speiseraum zu kommen. Seit fünf Jahren begleite ich sie und wir haben ein vertrauensvolles, familiäres Verhältnis.
Was bereuen wir, wenn unser Leben zu Ende geht? Ich frage die tapfere Ruth danach. „Ich würde alles wieder genauso machen. Vor allem möchte ich denselben Beruf als Kindergärtnerin wieder ausführen, wenn ich das nächste Mal auf die Erde komme.“ antwortet sie mir mit strahlenden Augen. Einen Moment ringt sie nach Luft und konzentriert sich auf ihre Atmung. Nach einer ganzen Weile sagt sie: Oder vielleicht gibt es doch etwas…

Dann erzähl mir die alte Dame, was sie damals als neunzehnjährige junge Frau dachte und fühlte:“Ich war hilflos allein den Russen ausgeliefert und konnte mich nicht wehren, als sie mich herunterrissen. Ich fiel auf die Straße und zwei Russen vergewaltigten mich.“ Jetzt ringe ich nach Luft. Sie erzählt weiter: „Meinen ersten Impuls, der Familie das Unsagbare zu verschweigen, hielt ich nicht durch, denn bald stellte ich fest, dass ich schwanger war. Ein „Russenkind“ auf die Welt zu bringen kam für mich nicht infrage.“ Wie gut ich das als Frau verstehen kann, sage ich ihr und bin tief berührt, dass sie sich mir anvertraut.

Sie liebt Kinder, dachte aber nach diesem Erlebnis nie eigene haben zu werden. „Ich kann nie wieder einen Mann nahe kommen und vertrauen.“, glaubt sie nach der Abtreibung. Doch das Leben hat etwas anderes mit ihr vor. Bei einem späteren Familienfest, lernt Ruth einen junger Mann kennen, der aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist. Sie lernen sich behutsam und langsam lieben. Beide haben sich tief im Inneren ein unberührtes hoffen bewahrt. Sie haben etwas in sich entdeckt, was von all den Schicksalsschlägen und Leiden unberührt blieb. Beide zusammen sind sie so stark und glücklich, dass sie drei Kinder bekommen. Ruth ist eine liebevolle Löwenmutter, der es heute schwer fällt ihre erwachsenen Kinder loszulassen. Sie stimmt mir schmunzelnd zu.
Ich validiere ihre Worte: Sie bedauern ihr erstes Kind nicht geboren zu haben. Tränen kullern ihr die Wange herunter.

„Es war nicht immer leicht im Leben. Aber wenn solche Gedanken kommen, denke ich kurz daran und entscheide mich dann bewusst, ihnen keine Macht zu geben. So habe ich das mein ganzes Leben lang gemacht.“ entgegnet sie mir, als wären die Worte für sie selber bestimmt. Ich nehme Ruth in meine Arme, die so starke Herausforderungen zu bestehen hatte, dass diese ihren Charakter wie ein heißes Schmiedefeuer formten. Es war zwar an Ruth , zu entscheiden, wie sie auf diese Situation reagierte, aber wozu auch immer sie sich entschloß: Die Erfahrung war so intensiv, dass sie Ruth in jedem Fall verändert hat.

Ruth schläft ein wenig. Ich verlasse das Zimmer auf leisen Sohlen und denke mir: Ihre drei Kinder können stolz auf ihre Mutter sein. Ich werde Ruth vermissen eines Tages. Aber jetzt ist noch nicht die Zeit dafür. Das fühle ich tief in mir mit einer großen Gewissheit.

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Ziele – ein starkes Wollen funktioniert nicht?

Die kleine Philosophie der Dominanz

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