Der Trauer mitfühlend begegnen

Gastartikelreihe
” Mut zum Trauern”

© Carolin Stark 

Gwynnefer lud mich ein, einen Text über Trauerbewältigung zu schreiben. Gerne komme ich diesem Impuls nach. Trauer – das resoniert schon stark in mir: Erst vor kurzem haben meine Geschwister und ich unsere Eltern gehen lassen müssen, im Abstand von knappen eineinhalb Jahren. Mein zweiter Bruder verließ unsere Familie, als er 32 und ich 23 war. Ich vermisse ihn heute noch, auch wenn sein Tod fast 18 Jahre her ist.

„Trauer bewältigen“ impliziert, dass es da etwas gibt, das verdaut und verarbeitet werden will. Ich bin sehr dafür, alle Gefühle wahrzunehmen und zu leben. Freiheit bedeutet für mich – um mit den Worten Tori Amos‘ zu sprechen – keine Angst vor irgendeinem Gefühl zu haben, sei es Trauer oder Freude. Für Trauer muss ich mir tatsächlich Zeit nehmen, und: Trauerbewältigung ist kein irgendwann abgeschlossener Prozess, sondern findet immer wieder – in Wellen und in Schüben – statt.

Helen MacDonald schreibt in ihrem Buch „Ha wie Habicht“: Die Archäologie der Trauer folgt keiner festgelegten Ordnung. Sie ist eher wie Erde unter einem Spaten, der längst vergessene Dinge ans Tageslicht befördert. Manchmal überraschende Dinge; nicht einfach nur Erinnerungen, sondern Seelenzustände, Gemütsverfassungen, Emotionen, frühere Weltanschauungen.” (Helen Mac Donald: H wie Habicht, 2015, S. 273).

Mir ergeht es so, wenn ich plötzlich und unvermittelt – ausgelöst durch einen vertrauten Geruch, ein Gefühl, einen Satz oder ein Bild, welches mir in die Hände fällt – an den geliebten Menschen, der nun nicht mehr unter uns weilt, erinnert werde. Mein Vater zum Beispiel transportierte ein bestimmtes Lebensgefühl, welches für mich Grundlage meines Seins ist. Es ist dieses “Raus in die Welt, in die Natur – zu Fuß oder per Rad, auf Entdeckungsreise gehen” – und dabei eine tiefe Liebe zum Leben, auch zum “einfachen” Leben spüren. Spazieren, schauen, inspizieren, Kaffee trinken. Gelegentlich saßen wir einfach zusammen auf einer Bank oder einem Hochsitz, aßen ein Picknick, das ich mitgebracht hatte, und waren hochzufrieden.

In solchen Momenten des Erinnerns laufen mir die Tränen. A propos Tränen: Als ich unserer Mutter keine vier Wochen vor ihrem Tod die Krebs-Diagnose überbringen „durfte“, hörte ich sie sagen: Ich habe noch nie jemanden gesehen, dem die Tränen so laufen und der gleichzeitig so lächelt. Diese Worte gingen mir nahe. Und es war das, was ich fühlte: tiefe Trauer und Angst vor dem bevorstehenden Abschied – denn dass dieser unmittelbar bevorstand, war mir intuitiv mehr als klar – und gleichzeitig eine tiefe Liebe, ein mich durch und durch bewegendes Mitgefühl.

Trauer(n) kann vieles bedeuten: Geschichten fallen einem ein, Sätze des Verstorbenen, Dialoge. Plötzlich findet man sich in emotionalen Zuständen wieder, die einen überraschen und überrollen – verschiedene Gefühle übermannen uns gleichzeitig. Darüber hinaus kann einem ganz Elementares bewusstwerden, das der andere – in meinem Fall mein Vater – einem mitgegeben hat: Werte, Vorlieben, persönliche Leitlinien, auch Stärken und Schwächen.

Zum Glück gibt es Mittel, Wege und Handwerkszeuge, die uns das Trauern etwas erleichtern: In erster Linie finde ich Trost in der Natur. Auch helfen mir Lieder oder Musikstücke – manchmal solche, die mich tatsächlich mit dem Verstorbenen verbinden und mich zum Zeitpunkt des Hörens noch tiefer in meinen Schmerz hineinfallen lassen; oder Stücke, die meine Trauer gewissermaßen kompensieren und mich wieder mehr Ganzheitlichkeit im Sein spüren lassen: Musik, die mich innerlich bewegt und auch für äußere Bewegung sorgt, die mich zum Schwingen und Tanzen bringt. Therapeutische ätherische Öle wie beispielweise eine tröstende Mischung aus Weihrauch, Ylang Ylang, Sandelholz und Patchouli können ebenso wunderbar Abhilfe schaffen.

Manchmal ist meine Trauer laut: Ich fluche und schimpfe, auf wen oder was auch immer. Dann wieder will ich sie loswerden und muss feststellen: Trauer kann eine sehr zähe Angelegenheit sein, es braucht sprichwörtlich Zeit, damit irgendetwas in uns loslässt. Meine Schwester nimmt sich diese Bewältigungszeit des Elternverlusts, indem sie dieser Tage im Elternhaus lebt und alles sehr dicht, gleichzeitig offen und liebevoll an sich heranlässt: die Erinnerungen, die Räume, die so vertrauten Gegenstände und Möbel. Für sie passt diese Form des Verarbeitens; ich selbst brauche da mehr Abstand, mehr Verweilen in meinen eigenen Räumen, mehr Blick nach vorn. Ich bewundere meine Schwester für ihren Frohsinn, ihren oft unkonventionellen Umgang mit den Gegebenheiten und auch den Sachzwängen des Lebens. Und auch für ihre Art der Trauerbewältigung:

Beispielweise lud sie Mamas Freunde und Bekannte ein, an dem Tag, an dem unsere Mutter 80 geworden wäre, recht kurz nach ihrem Tod. Das Ganze hatte etwas von „Dinner for one“ – eine geniale Idee und ein noch schöneres Ereignis. Denn: So ist das Leben – häufig liegen das Schaurige und das Schöne direkt beieinander, so auch an Begräbnistagen, die neben allem Dunklen auch immer Lichtvolles, Komisches und Fröhliches zutage fördern. Jeder trauert anders, auch das wird mir bewusst. Meine Mutter fiel tief, als ihr geliebter Mann starb – weinen jedoch konnte sie nicht. Manch einer findet Trost im Gespräch, ein anderer, mein ältester Bruder zum Beispiel, braucht Alleinzeit, um zu verarbeiten, was zu verarbeiten ist. Ich kann ihn gut verstehen, denn in dieser Hinsicht ticken wir ähnlich.

Aus meinem Erleben ist Trauer meist eine stille Begleiterin, die uns wie gesagt unvorbereitet heimsuchen kann. Oft werde ich müde ob des Dagegen-Kämpfens, denn auch das ist Teil der Trauer: Warum hat er mich verlassen? Was macht sein Tod für einen Sinn? Häufig klopfen hier auch Schmerz und Ohnmacht an – und selten heißen wir diese willkommen, sind sie meist noch unangenehmer als die Trauer selbst. Ich lerne: Je mehr und öfter ich meinen Gefühlen Raum gebe, nichts wegdrücke oder deckele, umso innerlich reicher und letztendlich erfüllter gehe ich aus diesen Trauerschüben hervor. Ich halte Tränen in der Regel nicht mehr zurück, auch nicht in der Öffentlichkeit. Je älter ich werde, umso sentimentaler und berührbarer werde ich auch. Ich hänge am irdischen Leben, liebe das Leben sehr.

Neulich dachte ich: Jetzt da ich älter werde, werde ich immer glücklicher – und gleichzeitig halt auch älter. Ich bin 40, mein Mann wird 50 – beide nicht mehr blutjung. „So’n Mist“ – denkt’s da manchmal in mir. Umso elementarer ist es also, das Leben voll auszuschöpfen und zu -kosten, zu leben, was gelebt werden will. Dazu möchte ich ermutigen und einladen. Ich formulier’s mal so: Oft müssen wir durch die Unterwelt, um all das Schöne und Strahlende in seiner Vollkommenheit wahrnehmen und leben zu können.

Über die Autorin

Carolin Stark schreibt fein beobachtend über Heiteres, Kurioses und zum Nachdenken Anregendes aus ihrem Leben. Dabei scheut sie nicht davor, die Tiefen und Abgründe des Lebens – Tabuisiertes, Tod und Triggerndes – auszuloten und ehrlich zu reflektieren. Ihre Leser*innen möchte sie dazu anstecken, mit sich selbst in Tuchfühlung zu kommen und sich bewusst, tiefgehend und gleichzeitig wertschätzend zu beobachten.

www.seisofrei-lebenskunst.de

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5 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Patricia Legrand
20. März 2018 16:36

Die “Dinner för One” – Party finde ich wunderbar. 🙂 und ja, Trauer ist und darf sehr verschieden gelebt werden. Faszinierend finde ich aber auch, dass es Kulturen gibt wo bei Tod nicht geweint wird. Es ist also auch eine kulturelle Angelegenheit. Ajahn Brahm vergleicht den Tod mit dem Ende eines Konzerts. Mit schönen Erinnerungen nach Hause gehen…

Antworten

    Wie schoen, du – hab herzlichen Dank fuer deine wertvollen Gedanken! Interesssant wie unterschiedlich Tod er- & gelebt wird. Ganz liebe Gruesse aus Puerto de la Cruz im schoenen Teneriffa.

    Antworten

Liebe Patricia,

das ist ein schönes Bild.mit dem Ende eines Konzertes.
Danke dafür!

Alles Liebe Gwynnefer

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Liebe Carolin, das ist wieder ein wunderbarer und so persönlicher Artikel von dir. Herzlichen Dank, dass du uns an deinem Empfinden teilhaben lässt. Obwohl ich deinen Hinweis auf den Artikel schon vor ein paar Tagen gesehen habe, hab ich jetzt erst den Mut gehabt, ihn zu lesen, und ich denke, dass gehört auch dazu: auf sich aufzupassen und sich Zeit zu nehmen.
Liebe Gwynnefer, herzlichen Dank, dass du die Einladung an Carolin ausgesprochen hast und sie hier veröffentlicht hast.

Antworten

    Liebe Sabine,

    wie schön, dass du dir Zeit für meinen Artikel genommen hast! Und wie schön, dass auch wir zwei uns hier im Netz begegnet sind und uns anhand unseres Wirkens und Schaffens immer besser kennen lernen.
    Auf sich aufpassen und Zeit nehmen – das ist auch mir wichtig, danke dir herzlich für’s Erinnern!
    Carolin

    Antworten

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