Immer wieder Weihnachten

Gastartikelreihe
“ Mut zum Trauern“

© Susanne Große-Venhaus

Er ist vier. Und bald ist Weihnachten.
“Du, Mama?”
“Ja”
“Bald ist doch Weihnachten.”
“Ja”
“Und nächstes Jahr, ist dann auch wieder Weihnachten?”
“Ja”
“Und danach das Jahr auch?”
“Ja, jedes Jahr ist Weihnachten.”
“Und Mama…”
Ist das Besorgnis in seiner Stimme? 
”
..wenn wir dann mal alle gestorben sind, der Papa und ich und du…
“
Mir stockt der Atem
”
…und wenn wir dann beerdigt wurden, ist dann auch noch Weihnachten?
“
Ich atme aus.
“Ja, dann ist auch noch Weihnachten.”
“Ist immer Weihnachten?”
Und ich spüre seine Erleichterung.
“Ja, es ist immer Weihnachten”.

Der Tod ist nichts, nur die Grenze unseres Blickes.
Vierjährige scheinen das noch zu wissen.
++++++
Doch wir, die wir übrig bleiben, wenn eine geliebte Seele uns verläßt. Wir trauern. Und auch das ist gut so.

Mir ist der Tod oft begegnet in meinem Leben.

Meist in Form der Trauer meiner Mutter um Menschen, die schon vor meiner Geburt verstorben sind. Oder vorweggenommene Trauer, um Menschen die künftig sterben würden und das dann auch irgendwann taten.. Auch in Form von anderen Menschen, die um einen geliebten Menschen trauerten.
Meine Mutter sagte: “Wir sind die Familie, in der soviel gestorben wird”.
Und ich wollte es nicht an mich ranlassen und dachte, dass doch alle irgendwie sterben.

Und ich traute mich kaum, zu leben.

Durfte ich leben, wo meine Mama so traurig war? Durfte ich leben, wo überall Tod ist?
Dann hatte ich eine frühe Fehlgeburt. “Sie sind jung, sie werden bald wieder schwanger.”
Trauer hab ich mir verboten. Ich wußte doch überhaupt nur zwei Wochen von diesem Kind.
Ich wurde nicht wieder schwanger, stattdessen hatte ich Angst vorm Leben.
Und dann doch: wieder ein Baby in meinem Bauch. Für sechs Monate.. zu kurz..
++++++++++++++
Da liegst du nun in meinem Arm
Ich halt dich fest, noch bist du warm

Und wunderschön bist du dazu
Das erkennt mein Herz im Nu

Und dass ich das irgendwie überstehe
Auch wenn ich das noch gar nicht sehe

Warum darfst du nicht bleiben hier?
Daran verzweifel ich nun schier

Ich kann es noch nicht verstehen
Warum, verdammt, mußt du nun gehen?

Bist doch gerade erst gekommen
Ich noch ganz von dir benommen

Habe dich so sehr geliebt
Lange schon bevor’s dich gibt

Und nun liegst du hier
Mein liebstes kleines Wundertier

Siehst aus, als würdest du schlafen
Und alle Diagnosen strafen

Ich weiß nicht, wie soll ich das begreifen
Ich möchte auf das Schicksal pfeifen

Will dich einfach wiederhaben
Dich an meinem Busen laben

Doch ich weiß, das wird nicht sein
Dein Weg nicht führt ins Leben rein

Und doch lebst immer du in mir
Das kann ich versprechen dir

Jede Träne werd ich weinen
Manchmal auch den Schmerz verneinen

Das brauch ich, um es doch zu raffen
Für dich, für uns das Leben schaffen

Und ich werde wieder auferstehen
Auf meinen Füßen lachend stehen

Tief vereint mit meiner Lieb zu dir
Bleib ich noch ein bißchen hier

++++++++++++++
Und auf einmal darf ich leben. Ich spüre es, in der tiefsten Trauer um diese kleine Seele. Vielleicht werde ich niemals ein lebendes Kind im Arm halten. Und ich lebe. Ich will leben. Vielleicht wie nie zuvor in meinem Leben, ist mir jeder Augenblick bewußt. Alles erscheint wie in Zeitlupe durch ein Riesen Vergrößerungsglas.

Die Welt steht still und doch dreht sie sich einfach weiter.

Es ist unmöglich, der Trauer zu entrinnen. In diesen Monaten lebe ich vielleicht so intensiv wie nie zuvor in meinem Leben. Um das Leben zu spüren, lege ich mich nackt auf den Boden und heule Rotz und Wasser.

Ich weine und ich liebe, ich schreibe Briefe geschrieben an dieses Kind, das ich nie kennelernen darf und doch so gut kenne. Ich erzähle ihr einfach alles, wie sehr ich sie vermisse und glücklich ich bin, dass sie mein Kind ist. Ich sterbe zigmal mit ihr und erstehe zigmal wieder auf. 
Und ich komme endlich an. Im Leben.
+++++
Er ist etwa fünf, ein sogenanntes Einzelkind. Und es ist Sommer.
“Duhu, Mama?”
“Ja”
“Du, mein Freund und seine Schwester und seine Eltern, die sind ja zu viert.”
Ich lausche gebannt..
“Aber wir, wir sind ja eigentlich fünf: der Papa und du und meine beiden Geschwister, das sind ja fünf.” Für ihn sind sie alle da.

Wir sind die Familie, in der soviel gelebt wird.
Wir sind das Leben, das soviel gelebt wird.
Und es ist immer wieder Weihnachten.
Und die Liebe ist unsterblich.

Über die Autorin

Mehr über Susanne erfährst du hier:
www.liebens-lust.de

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