Unsere Talente und unser Glück mit anderen teilen

Bapuji sprach oft darüber, dass wir unsere Talente und unser Glück mit andern teilen müssen. Er hätte es begrüßt, wenn die Verantwortung von Konzernen über ihre Aktienkurse hinausgehen. Ein Beispiel, das ich aus eigener Anschauung kenne (und ich weiß, es gibt noch viele andere), ist die Tata-gruppe, die ihren Sitz in Mumbai hat. Es handelt sich dabei um der größten Mischkonzerne Indiens, mit an die dreißig Unternehmen, die alles Mögliche produzieren, von Autos über Stahl bis hin zu Kaffee und Tee. Gegründet wurde der Konzern 1868, und die Familie Tata, die ihn seit dieser zeit betreibt, hat sich dem, was ich gerne “Barmherzigkeit-Kapitalismus” nenne, verpflichtet. Die Tatas leben nicht wie Könige. Sie sind bescheiden geblieben; einen beachtlichen teil ihrer persönlichen sowie der Firmengewinne lassen sie jedes Jahr dem Ärmsten in Indien zukommen. Sie unterstützen Projekte für sauberes Wasser und bessere Bedingungen in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft, außerdem Bildungsprojekte. In der Stadt Jamshedpur, wo der Stahlzweig der Tatas angesiedelt ist, werden die einheimischen Arbeiter der Tata-Gruppe mit so gut wie allem versorgt. Vor ein paar Jahren witzelte einer der Manager in Anspielung auf die Großzügigkeit der Tatas:” Das Einzige, was Sie selbst mitbringen müssen, ist eine Frau.” Und tatsächlich – sie stellten Medienanschlüsse, Wohnungen, Autos und öffentliche Einrichtungen zur Verfügung. Sie betreiben sogar den lokalen Zoo sowie die Klinik.

Die Tatas sind Zoraoastrier. Der Zoroastrismus ist eine antike Religion, deren Anfänge im östlichen Iran liegen. Ihre Anhänger hatten ab dem siebten Jahrhundert, als eine andere Religion die Vorherrschaft gewann, zunehmend unter Repressalien und teilweise auch unter Verfolgung zu leiden. Viele verließen das Land. Eines der Flüchtlingsschiffe erreichte die Westküste Indiens, und während einer Audienz beim König baten die Zoroastrier um das Bleiberecht. Der König wies auf ein Glas Wasser, das auf dem Tisch stand, und sagte: “So wie das Glas bis obenhin gefüllt ist, so ist mein Königreich voller Menschen. Für weiter fehlt uns der Platz.”

Der Sprecher der Delegation reagierte darauf, indem er einen Löffel Zucker in das Wasser schüttete und umrührte. “So wie dieser Zucker sich in diesem Wasser auflöst und es dabei versüßt, so wird mein Volk sich in der Gemeinschaft auflösen und sie dabei versüßen.”

Der König verstand und gestattete ihnen zu bleiben. Und seither versüßt die Anwesenheit der Zoroastrier die Gemeinschaft der Inder.
Jeder, der diese beeindruckende Geschichte hört, muss über die Vorstellung vom versüßten Wasser lächeln. Aber es ist eben nicht nur eine Geschichte. Sie hat dieser Tage an Brisanz gewonnen. Viele Menschen denken heute wie der König, wenn sie mit Flüchtlingen konfrontiert sind, mit Armen, Andersgläubigen, anderen Rassen und Ethnien.

Warum können wir nicht einfach akzeptieren, dass ein wenig Zucker und ein paar Gewürze jeder Gemeinschaft guttun?

Aber diese Geschichte sollte und auch daran erinnern, was wir selbst zum Glas Wasser beitragen. Wir sollten es uns zur Maxime machen, das Wasser zu versüßen.

 

Textauszug aus “Wut ist ein Geschenk” von Arun Gandhi.
Erschienen im DuMont Buchverlag (Köln)
Erste Auflage 2017

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1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

Eine schöne Geschichte, die nie an Aktualität verliert 🙂

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