Mütter sind großartig

Monika hat verschlafen. Im Winter ist es Morgens dunkel. Dennoch rennt sie nach der Strassenbahn um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Auf einer Schneedecke mit Glatteis rutscht sie aus und fällt voll auf ihren Bauch. Sie steht auf und rennt weiter. Gott sei dank bekommt sie noch ihre Strassenbahn. Erst jetzt spürt sie ihre Schmerzen. Sie hält sich ihren Bauch und denkt: Hoffentlich ist meinem Baby nichts passiert. Monika ist neunzehn Jahre und im achten Monat schwanger. Eigentlich wollte sie noch kein Kind und fühlt sich während ihrer Schwangerschaft sehr hilflos und ohnmächtig. Doch nach diesem Sturz macht sich Monika Sorgen um ihr Kind. Im laufe des Tages, während ihrer Arbeitszeit lassen die Schmerzen nach und es scheint alles wieder in Ordnung zu sein.

Oh mann, was ist denn da draußen los. Soll ich jetzt auch bissen mitspielen? Hier drin wird es sowieso langsam eng. Hm…wenn da draußen so schwere Beben statt finden, will ich das denn überhaupt? Das wird schwer da draußen, wenn ich hier raus komme. Ohne das es mir bewusst ist, entscheide ich mich bereits im Mutterleib für dieses schwere Leben.
Ich registriere Ablehnung und Ängste meiner Mutter, mir gegenüber. Das macht mir Angst. Ich suche psychisch nach einer Strategie, bei dieser erst ablehnenden Frau zu überleben. Ich verhalte mich so still und unauffälligere wie nur möglich. Ich mache mich unsichtbar und unfühlbar. 

Vier Wochen später wird Monikas Tochter geboren. Die Kleine ist wohl auf und kern gesund. Von überschwänglicher Freude kann jedoch nicht die Rede sein.  

Mach mal das Licht aus. Es ist viel zu hell hier.  Und kalt ist es auch. Was ist das jetzt? Ich werde an den Füßen gehalten, mit dem Kopf nach unten und bekomme einen Klatsch auf meinen Hintern, Frechheit. Das soll jetzt hier mein Paradiesisches Leben sein? 

Monika fühlt sich schlapp und ist ohne Kräften. Sie blutet drei Tage lang sehr stark, macht sich aber keine weiteren Gedanken darüber. Das wird wohl normal sein, denkst sie sich. Beim ersten Kind hat man noch nicht die nötige Erfahrung. Monika geht es mittlerweile so schlecht, das die alte, erfahrene Hebammen Ursula stutzig wird. Sie tritt an das Bett heran, schlägt die Bettdecke zurück  und sieht das viele Blut. Sie handelt sofort und springt Monika auf den Bauch. Mit unglaublichen Schmerzen bekommt Monika nicht mit, dass dabei ein Stückchen Nachgeburt, welches sich während der Geburt nicht löste, heraus kommt. Schwester Ursula rettete mit dieser brachialen Methode Monikas Leben. 

Die Frau die mich stillt fühlt sich leblos an. Häufig erlebe ich sie  als abwesend. Doch ich lebe nicht von der Milch allein. Hallo, ich habe noch andere Bedürfnisse. Ich möchte in den Arm genommen werden, bei meiner Mama sein, geknuddelt, geschmusst und geherzt werden, ihr Lächeln und ihre Wärme spüren. Wo ist das Himmlische Gefühl, was ich gerade noch in Mamas Bauch hatte? Statt dessen fühle ich vielfache Ängste und ein Verlassenheitsgefühl. 

Monika möchte so gern ihr Kind im Arm halten. Stattdessen wurde ihre Tochter vom Klinikpersonal in einen anderen Raum gebracht. Nur zu den Stillzeiten, aller vier Stunden wird ihr die Kleine gebracht. „Das ist besser so für sie. Da können sie sich noch im Wochenbett erholen , bevor sie zu Hause die ganze Arbeit alleine haben.“, bekommt sie als Antwort von der Oberschwester Ursula. 

Da liege ich nun und niemand kümmert sich um mich. Ich kann machen, was ich will, es ist nicht richtig oder nichts gut genug. Ich fühle mich nicht angenommen von meiner Mama. Über die Muttermilch nehme ich den Status „Überlebenskampf“ in mir auf. Meine Mutter kämpft um ihr Leben, ich kämpfe um mein überleben. Meine Sehnsucht  nach Liebe und Nähe findet keine Erfüllung, weil ich es nicht wert bin. Das verletzte, einsame, wütende Kind schreit um mein Leben, weil ich noch nichts anderes kann. 

Bereits mit sechs Monaten gehe ich in die Kindergrippe. Meine sichere „Nahrungsquelle“ muss arbeiten gehen. Das war in der DDR damals so. Wie sicher fühle ich mich, ohne meiner Mama? Wie konnten mir fremde Frauen Geborgenheit und Sicherheit geben? Sie sind kein guter Ersatz für mich. Mein Urvertrauen in das Leben ist vollends erschüttert. Meine Hoffnung, dass es für mich wieder so schön kuschelig, himmlisch, versorgt wie in Mamas Bauch wird, zerbricht Stück für Stück in tausend kleine Splitter. Zeit für Nähe und Geborgenheit bleibt meiner Mama wenig übrig für mich. Das schmerzt mich so sehr. Ich fühle die Energie meiner überforderten, frustrierten und innerlich verletzten Mutter und kann mich nicht abgrenzen. Die psychischen Folgen bleiben nicht aus. Ich werde krank.

Mama, Mama gehe noch nicht, hört Monika Sylvia in der Kindergrippe hinter ihr her rufen. Sie dreht sich zu ihr um. Schon rennt sie mit ihren kleinen Beinchen so schnell sie kann auf die Toilette. Monika geht zurück. Was machst du denn da?, fragt sie. „Ich muss mal groß und das tut immer so weh. Bitte, bitte bleib doch noch hier.“ Monika wartet und wartet und wartet. Sylvia drückt und drückt und drückt. Jeden Morgen dasselbe, sagt Monika. Ich habe es eilig und komme  zu spät zur Arbeit. 

Im Alter von drei Jahren mache ich eine tiefgreifende, körperliche Erfahrung. Durch das viele drücken und pressen, bekomme ich Leistenbruch und muss operiert werden.  Mein Körper entscheidet, was mir beim überleben hilft, was mir gut tut und was nicht. Meine Seele drückt sich über meinen Körper aus. Wie gelange ich mit all meinen Erfahrungen in Frieden? Habe ich Hunger, schreie ich. Habe ich Durst, schreie ich. Habe ich Schmerzen, schreie ich.

Diese beiden Erlebnisse haben mich, wie ich viele Jahre später erkennen konnte, wesentlich geprägt. Meine Mutter ist die erste Frau die ich erlebe. Ich habe keinen Vergleiche zu anderen Frauen. Darum schließe ich von dieser Frau,  auf alle Frauen dieser Welt. Einschließlich mir selbst. 

Mein Selbstverständnis und Selbstwertgefühl waren im Keller. 

Es geht mir nicht darum, meine Mama anzuklagen oder etwas schön zu reden. Die Dinge waren so, wie sie waren. Es macht auch gar keinen Sinn, meine Wurzeln zu bekämpfen. Es geht darum, sie zu verstehen, zu heilen, anzuerkennen und ein größeres Verständnis zu erlangen. Mir dämmert es, wie stark mein inneres Verhältnis zu meiner Mama bis heute ist. 

Mache ich mir bewusst welchen Einfluss, mein Verhältnis zu meiner Mama auf mein eigenes Leben, mein Verhalten, mein Befinden bist heute hat, kann Heilung gesehen. Jede Verurteilung meiner Mama fällt am Ende ohnehin auf mich selbst zurück und ist eine Verurteilung meiner selbst.Die Beziehung zu meiner Mama war und ist der Ausgangspunkt aller Beziehungen in meinem weiteren Leben.
Die Augen geöffnet haben mir zwei Intensivseminare und  das Buch „Der Lilith-Komplex“ von Hans-Joachim Maas. Meiner Meinung nach sollte dieses Buch eine Pflichtlektüre für alle Mütter sein. Mich mit der dunklen Seite der Mütterlichkeit zu beschäftigen bringt mir Frieden, Freiheit und Klarheit in meiner Familie und mir selbst.

Mama, du hast es so gut gemacht, wie du konntest. Du hast das Beste für mich gewollt und mich so geliebt, wie es dir möglich war. Alles was zwischen dir und mir geschieht, mit dem Willen unserer beiden Seelen, geschieht. Alles was geschieht hat einen tiefen Sinn. Ich bin nicht Zufällig an dich geraten, als Mama. Ich liebe dich!

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