Entschleunigung

Horst hat viel erreicht in seinem Leben. Als bekannter Professor, Doktor an der Technischen Universität hatte er einen Namen und verdient sehr gut. Sein Haus ist abgezahlt, seine Frau brauch nicht arbeiten gehen und kümmert sich um die drei Söhne. Horst ist stolz darauf, zur gehobenen Schicht in der Gesellschaft zu zählen.
Seine Tage sind strukturiert und durchgetaktet. Er hat alles im Griff beim abarbeiten seiner vielen Termine. Er verlässt am Morgen Frau und Kinder, kehrt meistens vor 21 Uhr nicht zurück. An den Wochenenden ist Horst viel auf Konferenzen unterwegs. Das er Frau und Kinder hat, hat er bei all dem geschäftigen Leben ganz vergessen. Wie selbstverständlich waren Frau und Kinder auch immer da. 

Jetzt sitzt er am Bett seiner Frau und hält ihr die Hand. Er denkt zurück, fragt sich dabei, warum er nur so oft gedacht hat: Ich habe keine Zeit für eine Partnerin in meinem Leben. Ich kümmere mich erst einmal um meinen Erfolg. 

Horst ist sehr traurig und deprimiert. Seine Frau Ilse erkennt ihn nicht mehr, ist verwirrt. „Ach hätte ich ihr doch früher, viel öfter meine Zeit geschenkt“, denkt er und fühlt sich schuldig. Jetzt hält er ihr die Hand, ist selbstverständlich für sie da und kümmert sich liebevoll um sie. Er hat erkannt, das Hektik und Hetze die ehemals sein Leben bestimmten, in diesem Leben mit Ilse keinen Platz haben. Jeder, der Demente begleitet weiß, das diese Gruppe von Menschen keinen Zeitdruck in Ihrer Umgebung vertragen. 

Horst hält Ilse die Hand und küsst sie zärtlich. Der Wert an Menschlichkeit holt ihn mit der Erkrankung seiner Frau wieder ein. Er, der immer gut logisch und rational denken konnte, führt jetzt einen Alltag, der alles andere als logisch und rational ist. Immer wieder sucht er die Brücken in die Welt seiner Ilse. Es gibt etwas zwischen Ihnen, das Horst dazu bringt, sich der Welt von Ilse weiter zu öffnen. Eine neue Verbindung wird geknüpft. 

Seine Haltung ist aufmerksam und liebevoll. Er ist so richtig gern mit Ilse zusammen, weil sie ehrlich und direkt ist, weil sie keine Masken trägt, weil Status und Konventionen keinerlei Bedeutung haben, weil sie auf originelle Ideen kommt und weil Ilse manchmal komische Dinge macht, über die Horst lachen muss. „Gemeinsam lachen, auch das ist früher viel zu kurz gekommen“, denkt er und hält ihr die Hand.

Fazit: Lege deine Scheuklappen ab. Schau hin, denn die in den Medien üblichen entgegengesetzten Pflegediskussionen sind sinnlos. Konzentrieren wir uns auf das wesentliche.

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Die Welt der Fabeln
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