Das Trippeln auf städtischem Pflaster hatte Opa nicht verlernt. Körperlich war Opa sehr, sehr fit, aber hat immer alles vergessen. Er musste immer raus, los gehen und wollte nach Hause. Wandern und Weglaufen ist eine häufige Form von Unruhezuständen Demenzerkrankter. Aber das wusste Vera nicht, wenn sie mit Opa zu tun hatte. Sie erinnere sich noch sehr gut daran. Im Augenblick fand er hier auf heimischem Strassen und Wegen die leichten, langen Wanderschritte wieder, die die Kinder mit viel Mühe lernen müssen, um ihm folgen zu können. „Wir Kinder wurden immer hinter her geschickt und mussten ihm sagen wo es lang ging“, erzählt sie mir respektvoll.

Die Wegkreuzung auf der Strasse, in der einst Fleischereien oder Bäckereien ihre bescheidenen Waren angeboten hatten, war jetzt von einer lärmenden Schar von Autos und Menschen versperrt.

Nun wusste Opa nicht mehr weiter.

„Opa, hier gehts zurück“, sagte Vera ihm.
Er hörte nicht auf seine Enkeltochter Vera  und benahm sich komisch.

Da dreht sich Opa um und schimpft: „Was wollt ihr fremden Kinder von mir?“

Er war anstrengend wenn er seine Enkeltochter Vera nicht erkannte. „Aber Opa war halt so“, berichtet sie weiter. Und irgendwo war auch eine gewisse Spannung dabei. Opa war anders als andere und das war spannend. Vera hatte ihren Opa sehr gerne. 

Manchmal hat Opa Vera erkannt und war wieder ansprechbar. Dann wusste er wo er war. Wo er wieder helle und im Hier und Jetzt steckte. Das gab es auch immer mal wieder. Dann ging Opa auch von alleine mit zurück. 

Wenn Opa nicht mit zurück gegangen ist, sind die Kinder ihm einfach weiter hinter her gelaufen.
Sie haben ihn im Blick behalten, um einfach zu wissen wo er hin geht. Irgendwann kam er an die nächste Ecke wo er nicht mehr weiter wusste. Nach der zweiten oder dritten Weggabelung wusste Opa gar nicht mehr wo er war. Und dann ist er doch mit Vera mit gegangen. Einfach, weil er es nicht besser wusste. 

Wenn alles nichts half, sagte Vera dann: Da gehts lang. Oma wartet schon auf dich.
„Hä? Wer ist Oma?“, das verstand Opa auch nicht.
Die Kinder haben immer mit ihm geredet. Da geht es lang. Dort ist es schön. Du musst da mit hin.

Zwischendurch kamen auch Momente, wo Opa wieder Bescheid wusste. Die Kinder hatten viel Geduld für ihn und es als eine willkommene Abwechslung, fast wie ein spannendes Spiel betrachtet. Bei Räuber und Gendarm wurde auch immer irgendjemand gesucht und verfolgt. „So ähnlich war das mit Opa“, kichert Vera beim erzählen.

„Opa war halt so! Als Kind nimmt man das auch so hin“, sind ihre letzten Worte. 

Foto: pixabay

, , , , , , , , , , ,
Buchempfehlungen
Kriegskinder und Kriegsenkel

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus

Ich stimme zu.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Menü